In Görlitz enden alle Straßen

St–r, Görlitz

Görlitz ist eine alte Handelsstadt. Schon in der Gründungszeit um 1220 kreuzten sich hier, an einer uralten Neiße-Brücke, zwei bedeutsame Handelswege; der eine führte aus dem Süden nach Norden, der andere verband den Westen mit dem Osten. Stapelplatz, Knotenpunkt, Mittlerin – das war Görlitz jahrhundertelang. Die Kommunisten aber haben aus der alten Handelsstadt eine moderne Grenzfeste gemacht.

Man erkennt das schon auf dem Bahnhof. Er ist unzerstört geblieben, wie die ganze Stadt. Aber die Bahnsteige sind fast leer. Aus den ankommenden Zügen klettern nur wenig Menschen. Es lohnt sich nicht einmal, für sie eine Sperre einzurichten. Von acht Fahrkartenschaltern sind zwei geöffnet, von zehn Bahnsteigen fünf stillgelegt. Der Knoten der Linien Berlin-Breslau, Görlitz-Beuthen, Dresden-Breslau, Görlitz-Liegnitz, Kottbus-Reichenberg, Görlitz-Posen ist aufgelöst. Nur ein Zug dampft heute noch täglich über die Neiße. Dabei ist dies der einzige Schienenstrang zwischen Zittau und Frankfurt (Oder), der die Grenze überquert.

Den Ehrgeiz, Großstadt zu werden, wie dies in den zwanziger und dreißiger Jahren ein Leitmotiv der Kommunalpolitik war, hat Görlitz aufstecken müssen. Zwar zählte die Stadt 1950 mehr als 100 000 Einwohner, aber seither geht die Zahl der Bürger ständig zurück. Um 1000 Einwohner verliert die Stadt Jahr um Jahr. Genau 10 000 verließen die Stadt in der Zeit von 1950 bis 1960. Görlitz, die Mittler-Stadt, hat keine Zukunft mehr. An der Neiße gibt es nichts zu vermitteln.

Wer nun aber die Stadt durchwandert, hat bald den Eindruck, daß Görlitz nicht im gleichen Maße ein "sozialistisches Antlitz" trägt wie viele andere mitteldeutsche Städte. Man wohnt wie eh und je im Hotel "Vierjahreszeiten", kauft seinen Anzug bei Eduard Schultze (seit 1844), ißt ein Eis bei Oreste Brizzolari am Oberen Markt, sieht sich Möbel bei Brauer am Lutherplatz an, kramt in den Bücherregalen beim guten, alten Tzschachel an der Frauenkirche und wallfahrtet nach Tisch zum Denkmal Jakob Böhmes in den Stadtpark. Aber wenn die Geschäftsleute Widerstand gegen die Verstaatlichungspolitik treiben, so müssen sie’s offensichtlich bezahlen: mit Vorsicht, Sparsamkeit, oft auch Armut. Für lockende Schaufenster und gefällige Fassaden reicht es gewöhnlich nicht. Man muß hart arbeiten und tausend Winkelzüge unternehmen. Man wird nicht reich; man hält sich nur, solange es geht.

Bei alledem ist Görlitz in den Geruch gekommen, eine "aufsässige Stadt" zu sein. Sie zum "Schwerpunkt der Parteiarbeit" zu machen, war folglich ein Entschluß der SED-Zentrale Dresden. Aber immer noch läßt kein Görlitzer sich herab, den alten "Postplatz" nun "Platz der Befreiung" zu nennen. Auch kommt es immer wieder vor, daß politische Versammlungen ausfallen müssen, weil außer dem Referenten und zwei, drei Genossen keiner erschien. Dabei kann niemand, der am Bahnhof eintrifft, sich dem Eindruck eines großen Transparents entziehen, das den "Geist einer neuen sozialistischen Zeit" rühmt. Was es damit auf sich hat, erkennt man, wenn man an die Reichenberger Brücke gelangt. Ein Schlagbaum versperrt sie. Rechts und links ein zwei Meter hoher Stacheldrahtzaun. Davor und dahinter bewaffnete Zonensoldaten. Am anderen Ufer patrouillieren die Polen. Mißtrauisch, mürrisch, unzugänglich. "Freundschaft" lautet die Parole. Aber man hat sich nichts zu sagen. Es ist eine Freundschaft der kalten Hände.

Ein Stückchen Uferpromenade an der Neiße ist in Görlitz freigegeben – zur Besichtigung. "Freigegeben" ist auch das Endstück der Reichenberger Brücke, die zu jenem Stadtteil führt, das von den Polen verwaltet wird. So traben Panjepferde über die Brücke und am östlichen Ufer entlang. Hin und wieder hupt ein Pobjieda, und abends brennen Neonlampen made in West-Germany. 7000 Polen leben in "Zgorzelec", wie sie den nun ihnen zugehörigen Teil der Stadt Görlitz nennen.

In Görlitz enden alle Straßen

Die Neiße ist hier sehr schmal. Als ich am Abend meiner Ankunft die westliche Uferstraße entlang ging, traf es sich, daß am jenseitigen Ufer, in der Prager Straße, ein Mädchen spazierte: schlank, blond, hochbeinig. Fast schien es, als hätten wir ein Rendezvous – so schmal ist hier die Neiße. Das Mädchen lachte, ich winkte. Sie sagte über den Fluß hinweg: "Guten Tag! Ich heißen Irina." Ich wollte antworten, da kam ein älterer Mann auf mich zu, der auf einer nahen Bank gesessen hatte. "Das ist eine Polin", sagte er. Und während das Mädchen davonschritt, erzählte er: "In der Prager Straße drüben habe ich gewohnt. In Nummer 16. Dort, das Haus da! Bei Nacht flog ich hinaus, 1945 im August. Meine Möbel, meine Anzüge, alles blieb drüben. Abends kann ich von hier aus in meine Wohnung sehen. Meine Möbel stehen noch da, und der Mann, ein Eisenbahner ist es, trägt meine Anzüge. Am Moyser Weg hatte ich einen Garten. Vorbei..."

Irina war ein Stück Wegs gegangen und wartete jetzt. Sie schrieb ein paar Sätze auf einen Zettel, preßte ihn und warf ihn über den schmalen Fluß. Ich las: "Du gefallen mir gut. Wir werden schreiben jede Tag eine große Brief." Ihr helles Lachen flog über die Neiße. Sie machte eine Gebärde des Schreibens. Ich suchte einen Bleistift und riß einen Zettel aus meinem Notizbuch.

Da hörte ich eine scharfe Stimme: "Halt! Stehenbleiben!" Zwei Zonensoldaten. "Wir haben alles beobachtet. Geben Sie den Zettel her! Und verschwinden Sie hier von der Grenze."

Ich protestierte: "In Warschau, 1943, wurde ich schon einmal so behandelt", sagte ich. "Ich sprach mit einer polnischen Jüdin. Sie war im Getto, und die Männer, die es mir verboten, hatten SS-Uniform an." Die Zonensoldaten blieben unberührt. "Entweder Sie verschwinden, oder wir nehmen Sie mit!"

Irina hatte zugesehen. Jetzt hielt sie die gespreizten Finger vors Gesicht. Ich lächelte und schüttelte den Kopf. Bei der Peterskirche drehte ich mich um. Irina stand noch immer am anderen Ufer.

Man sagt, daß in Görlitz die Spaltung der Stadt weniger schmerzhaft sei als in Frankfurt an der Oder, in Guben oder Forst. Der weitaus größere Teil der Stadt liegt diesseits. Jenseits befinden sich nur der Villenvorort am Rabenberg, die Oberlausitzer Gedenkhalle, das Jägerwäldchen, die Städtischen Anlagen, Sportstadien und Gartenkolonien, mehr nicht. Da jedoch alle Brücken bis auf die Reichenberger abgebrochen sind, besteht so gut wie kein Kontakt. Niemand will ihn – nicht nur die Grenzsoldaten.

Am späten Abend bummelte ich ein letztes Mal das Neiße-Ufer entlang. Drüben, im "Polnischen", brannten die Neonlichter, und in den hellerleuchteten Küchen der Häuser sah ich die Frauen hantieren. Ein Mann kam von der Arbeit und schloß eine Haustür auf. Ein Liebespaar drückte sich in eine Nische. Ein Betrunkener torkelte die Häuserwände entlang und sang lauthals.

Ich hätte das Mädchen vom anderen Ufern gern gefragt, ob auch bei ihren Leuten noch die Sehnsucht nach der Heimat lebt, aus der sie vertrieben wurden – auch sie. Ich hätte dem Mädchen gern die Hand gereicht, aber dafür wäre die schmale Neiße doch wieder zu breit gewesen ...