Von Günter Dahl

Man sollte sich durch den irreführenden Titel nicht abschrecken lassen, diesem Film Aufmerksamkeit zu schenken. Man sollte die Photos in den Schaukästen der Kinos – Stacheldraht, Wachtürme, Wattejacken, Steinbruch, Verzweiflung – nicht als Warnlichter werten. Man sollte hineingehen. Der Film heißt: „Der Teufel spielte Balalaika.“

Allerdings – einen Teufel wird man nicht finden. Er tritt in diesem Film, der in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager 1950 spielt, überhaupt nicht auf. Für den Ablauf der Handlung bedeutet es Schwierigkeiten; denn es zwingt schließlich die Drehbuchautoren, auf herkömmliche Konflikte zu verzichten. Die Flucht ins Vordergründige hätte so manche Anstrengung erspart. Die Leute, die diesen Film gemacht haben, standen also vor einem ganz anderen Problem, nämlich mit einer Vielzahl guter Menschen fertig zu werden.

Die Geschichte: Ein vergessenes Lager in einer vergessenen Ecke Sibiriens, geführt von einem sowjetischen Offizier, der dieses Kommando als Strafversetzung empfindet und sein Unglück in Wodka, Härte gegenüber den Gefangenen und unerbittlichen Arbeitsnormen abzureagieren versucht. Kein Teufel. Ein „Frontschwein“, das zum Herrn über das Schicksal einiger Hundert deutscher und japanischer Plennis abgestellt wird. Der Politoffizier, den Moskau ihm auf den Hals schickt, kommt aus einer dem Kommandanten unbekannten Welt. „Wir brauchen nicht mehr Tote, wir brauchen mehr Freunde“, so redet er. Kann man so reden in Sibirien?

Die Frau des Politoffiziers, Unterleutnant der Roten Armee und dem Kommandanten als Dolmetscherin beigegeben, saß als Wiener Jüdin in einem deutschen KZ. Nun erlebt sie hier in diesem Lager zum zweitenmal alle Stationen des Leidens; diesmal auf der anderen Seite zwar, aber gibt es in Sibirien in einem Steinbruch überhaupt zwei Seiten? Der Stacheldraht ist für alle da, für Sieger und Besiegte.

Die Besiegten sind Männer mit hungrigen Augen und mit jener fürchterlichen Einsamkeit, die zu wahnwitzigen Fluchtversuchen verleitet. Sie alle sind Verdammte: der Kommandant in seinem Unglück, der Politoffizier in seinem quälerischen Verlangen, die Besiegten zu begreifen und von ihnen begriffen zu werden, die Frau schließlich, die in die nackte Trostlosigkeit einen Schimmer von Barmherzigkeit und Lächeln hineinbringt, weil sie weiß, was Leben ohne Lächeln ist.

Zwischen den Siegern und Besiegten ist einer, der selbst nicht weiß, daß er der Kümmerlichste von allen ist: der deutsche Lagerleiter, der 150prozentige, der Speichellecker und Kameradenschinder. Aber nicht einmal er ist ein Teufel, nur der personifizierte Ungeist, korrekt fast und sicherlich durchdrungen von einer – für Leute seiner Größenordnung – verbrämten Mission.