New York, Anfang März

Wer neulich im Sicherheitsrat in New York den Aufstand tobender schwarzer Demonstranten auf der Galerie miterlebte, der sah plötzlich den Einbruch ungezügelter Urkräfte in unsere rationale technische Zivilisation sehr augenfällig vor sich. Adlai Stevenson hatte eben den Satz zu Ende gesprochen: „Die Frage ist einfach die: wird die UN überleben?“, als der Tumult losbrach: „Congo yes, Yankee no“, und immer wieder: „Lumumba, Lumumba!“

Ähnlich chaotisch geht es im Sachlichen zu. Alle in der UN haben ihre Sorgen. Die Russen, denen sich so viele Möglichkeiten zu bieten scheinen, haben Sorgen, weil sie es zum erstenmal mit Opportunisten zu tun haben und nicht mit gelernten Marxisten, die sie, je nach Bedarf, zum Einsatz oder zur Selbstbezichtigung kommandieren können. Castro und Moskaus afrikanische Freunde sind nicht gläubige Jünger des sowjetischen Dogmas, sondern unberechenbare Nutznießer der sowjetischen Möglichkeiten.

Die Afrikaner ihrerseits haben Angst vor den Machtansprüchen der Sowjets; darum klammern sie sich, wenn es hart auf hart geht, also wenn die Russen Hammarskjöld den Krieg erklären, an die UN. So stimmten sie in der letzten großen Resolution mit Mehrheit gegen den sowjetischen Antrag, die UN-Truppen aus dem Kongo abzuziehen. Sie waren im Gegenteil dafür, deren Kompetenzen zu erweitern, ihnen das Recht zur Gewaltanwendung zuzubilligen, damit der Bürgerkrieg verhindert werden könne. Auch Marokko stimmte diesem Beschluß zu, aber es hat den Entschluß, seine 3000 Mann Truppen abzuberufen, keineswegs revidiert.

Darum hat Hammarskjöld große Sorgen. Er braucht 24 000 Mann, um seine Aufgaben erfüllen zu können, aber er hat nur etwa 15 000. Ghana, Guinea und Mali, die sich ebenfalls für die Verhinderung des Bürgerkriegs ausgesprochen haben, erklären: Gewaltanwendung ja, aber nicht gegen die lumumbatreue Regierung Gizengas in Stanleyville. Nassers V.A.R. schließlich, die ebenfalls jene Resolution zur Verhinderung des Bürgerkrieges unterschrieben hat, schickt heimlich Waffennachschub an Gizenga und betreibt öffentlich heftige Rundfunkpropaganda gegen die UN.

Der amerikanische Botschafter Adlai Stevenson aber läuft derweil verzweifelt durch die UN-Gebäude und mahnt Ghana und die V.A.R. sich zu mäßigen, und die Franzosen, die Belgier nicht zu unterstützen.

Während in New York bürokratische Abstimmungen stattfinden und Resolutionen gefaßt werden, bringt jeder Tag im Kongo neue, unvorhergesehene Entwicklungen. Gestern hatten Gizengas „Streitkräfte“ (es waren 400 Mann), ohne auf den Widerstand der 2000 regierungstreuen Truppen zu stoßen, Luluabourg, die Hauptstadt des Kasai, eingenommen. Tags darauf entwaffneten die eroberten Regierungstreuen die siegreichen Eindringlinge und schickten sie zurück nach Stanleyville. Dort hat derweil die angeblich moskau-hörige Gizenga-Regierung den TASS-Korrespondenten sowie drei tschechische und zwei polnische Journalisten ausgewiesen. Wer soll sich da noch auskennen?