Von Indro Monianelli

Mit eigenen Augen habe ich’s zwar nicht gesehen, aber man hat mir versichert, daß in einer Hütte in den Bergen über Bozen ein Album aufliege, in dem die Gäste sich einschreiben könnten. Darin fände sich folgende Eintragung über die Aussicht: „Wie schön! (auf deutsch) Lotti Scognamiglio.“ Und darunter (auf italienisch): „Ja, wie schön... mein Meer. Pasquale Scognamiglio.“

Obwohl ich nicht das Vergnügen habe, Pasquale Scognamiglio zu kennen, glaube ich doch, ziemlich wahrheitsgetreu seine Geschichte rekonstruieren zu können. Sein Name enthebt mich jedem Zweifel über seinen napolitanischen Ursprung. Und ich sehe es deutlich vor mir, wie der arme Mann, der von Jugend auf nur an leichte Spaziergänge längs der Riva Chiaia in Neapel gewöhnt ist, schwitzend und fluchend hinter seiner Südtiroler Ehefrau Lotti den Berg hinauf gekeucht ist, ohne daß er begreifen konnte, warum bei dieser Anstrengung ihr Gesicht von Glück verklärt war, während die große Mühe ihm den Atem verschlug. Ich sehe ihn, wie er sich erschöpft auf der Bank in der Hütte niederließ und dem Gästebuch sein Heimweh anvertraut, das Heimweh nach Posillipo, nach den geruhsamen Stunden im Café mit dem Blick auf den herrlichen Golf, zwischen dem freundlichen Surren der Fliegen und dem lebhaften Lärm der Straßenverkäufer. „Mein Meer ...“

Weiß der Himmel, warum er seine Lotti geehelicht hat, die ihn nun jeden Sonntag früh um vier Uhr aus dem Bette wirft, ihn Bergstiefel anziehen läßt, ihm einen Tirolerhut auf den Kopf drückt und den Rucksack auf den Buckel nötigt, um ihn die Berge hinauf zu treiben! Sicher ist nur, daß Pasquale vor einigen Jahren als Junggeselle nach Bozen kam, um in einer Fabrik oder einem Büro zu arbeiten. Und wahrscheinlich ist er gern gekommen, überzeugt, dort leichte Siege über die Frauenherzen zu gewinnen. Südtirol war für ihn der hohe Norden. Und Norden – das bedeutete ihm blonde Frauen, „die keine Geschichten machen“. Und aller Wahrscheinlichkeit nach hatte Lotti auch wirklich keine Geschichten gemacht. Vielleicht war sie Kassiererin in einem Café gewesen, selbständig von Natur und über ihre Handlungen weder dem Vater noch dem Herrn Pfarrer Rechenschaft schuldig. Man darf erwarten, daß sie zu den Rendezvous mit ihm weder besonders bewegt kam, noch daß sie versuchte, ihn an einen stillen Ort zu entführen, um sich leidenschaftlich in seine Arme zu schmiegen. Im Gegenteil, sie hat bestimmt erst ein Gläschen Wein mit ihm in einer offenen Laube trinken und im Walzertakt ein wenig tanzen wollen. Wenn sie aber endlich seinem immer heißer werdenden Drängen nachgab, so ist sie davon weder verwirrt noch ihm unterwürfig geworden. Nein, höchstens, daß sie Hunger und Lust auf ein belegtes Schinkenbrot bekam.

Und eines Tages machte Pasqualino ihr einen Heiratsantrag. Worauf sie wiederum keinesfalls in Ekstase verfiel, sondern vernünftig das Für und Wider abwog. Sie wußte, daß bei ihr zu Hause diese „Mesalliance“ mit einem Süditaliener nicht gern gesehen wurde. Er hatte ja alles, was ihren ländlichen und konservativen Verwandten mißfiel: schwarzes Haar, olivenfarbigen Teint, städtische Angewohnheiten, Liebe zum Fernsehquiz und Abneigung gegen einen kräftigen Umtrunk. Doch war er dafür ein guter Kerl in einer sicheren Lebensstellung in Bozen, das jetzt auch Lotti ihrer dörflichen Heimat vorzog.

Als sie ihm das Resultat ihres Nachdenkens mitteilte, fühlte Pasqualino, daß er nun bald den endgültigen Sieg über sie in Händen haben würde. Leider aber irrte er. Lotti würde – wie man so sagt – niemals ganz in Pasqualinos Händen sein! Nicht etwa, daß sie ihn nicht liebte! Sie hängt an ihm. Sein Haus und seine Kinder könnten nicht besser versorgt sein. Sie ist ihm treu und gibt keinen Pfennig mehr als unbedingt nötig für sich selber aus. Aber das einzige Resultat aller seiner Bemühungen, sie in die Hände zu bekommen, ist ohne Zweifel stets der immer wieder erneuerte Appetit auf belegte Schinkenbrote gewesen.

Dies hat natürlich in Pasqualinos Seele widerstrebende Gefühle erzeugt. Dunkel mag ihm klargeworden sein, daß er als Verführer das Spiel verloren habe, auch wenn er es als Ehegatte gewonnen hatte. Ab und zu weint er tatsächlich jener Concettina aus Neapel nach, der, wenn er sie ansah, der Appetit verging. Aber was wäre wohl aus Concettina nach der Ehe und nach der Geburt von zwei Kindern geworden? Lotti hingegen ist wunderbarerweise immer dieselbe geblieben.