Enver Hodsha steuert weiterhin auf chinesischem Kurs

Der albanische Parteikongreß hat Moskaus Hoffnungen nicht erfüllt: Der Parteiführer in dem 1,4-Millionen-Land, der 55jährige Enver Hodsha, steuert weiter seinen scharfmacherischen, an der Peking-Linie orientierten Kurs.

Hodsha war bis zu Stalins Tod ein treuer Satellit Moskaus, distanzierte sich jedoch seit der Aussöhnung Chruschtschows mit Tito im Jahre 1955 immer mehr vom Kreml und machte auch die Entstalinisierung nicht mit. Seit 1958 stellte sich Enver Hodsha immer deutlicher auf die Seite Pekings: Es entstand die eigentümliche „Achse“ zwischen dem Riesenreich im Fernen Osten und Hodshas Zwergstaat am Adriatischen Meer. Die gemeinsame Abneigung gegen jegliche Entstalinisierung, gegen Koexistenz und Abrüstung, gegen den Reform-Kommunismus Titos und für eine scharfe radikale Politik im Innern, bildeten das Fundament dieser Achse. Auf der Bukarester Konferenz der Ostblockführer im Juni 1960 stellte sich Hodshas Abgesandter offen auf die Seite Pekings; anders als Moskau verurteilte er nur den „Revisionismus“, nicht aber den „Dogmatismus“. Außenpolitisch machte sich die Achse Tirana–Peking auch darin bemerkbar, daß sich Albanien ebenso gegen die von Moskau befürwortete entmilitarisierte Zone auf dem Balkan wehrte wie Peking gegen die atomwaffenfreie Zone im Pazifik.

Die albanisch-sowjetischen Widersprüche verschärften sich Anfang September, als auf einem Plenum des albanischen Zentralkomitees zwei kremlfreundliche Parteiführer, das Mitglied des Politbüros Liri Belishova und der Vorsitzende der zentralen Revisionskommission Koco Tashko, wegen „Verstößen gegen die Parteilinie“ und „parteifeindlicher Aktivität“ ausgeschlossen wurden. Wenige Tage später zog der Kreml seinen Botschafter in Tirana zurück. Vier Monate lang war die UdSSR in Albanien diplomatisch nur durch einen Geschäftsträger vertreten. Auch ein Mitglied des Präsidiums des sowjetisch-albanischen Freundschaftskomitees verließ das ungehorsame Albanien; der groß angekündigte „Monat der sowjetisch-albanischen Freundschaft“ nahm unter diesen Umständen einen kläglichen Verlauf.

Kritik am Kreml

Die albanisch-sowjetischen Spannungen machten sich auch bei der Herbstsitzung der UN-Vollversammlung bemerkbar und dann erneut auf der Novembertagung des Weltkommunismus in Moskau. Enver Hodsha hielt dabei eine Rede, in der er sich chinesischer als die Chinesen gebärdete. Er kritisierte nicht nur einzelne Punkte des vorgelegten sowjetischen Resolutionsentwurfes, sondern griff kurzerhand die gesamte Politik der Sowjetunion nach Stalins Tod an: die Reise Chruschtschows nach Belgrad, den XX. Parteitag, die Kritik an Stalin, die Abrüstung und die Friedenszone auf dem Balkan. Zusätzlich soll er vorgeschlagen haben, den Kampf zum Sturz Titos durch die Bildung einer jugoslawischen Gegenregierung im Ostblock zu forcieren. Die Vehemenz seiner Angriffe ging so weit, daß selbst der SED-Führer Walter Ulbricht, bis vor wenigen Monaten dem chinesischen Kurs gar nicht so abgeneigt, im Dezember die albanischen Parteiführer öffentlich wegen ihrer „dogmatischen Einstellung“ kritisierte.

Der Kreml gab den Albanern unverhohlen sein Mißfallen zu verstehen. Die Prawda verzichtete, in ihren Neujahrsgrüßen erstmalig darauf, die albanischen Parteiführer als „Genossen“ zu bezeichnen; zum 15. Jahrestag der albanischen Volksrepublik am 10. Januar unterblieb das sonst obligate Grußschreiben Chruschtschows, und der sowjetische Staatspräsident Breshnew richtete seine Adresse nicht etwa an Hodsha, sondern an den völlig unbedeutenden Parlamentspräsidenten Lleshy, wobei Breshnew nur das albanische Volk beglückwünschte, sich aber über die Parteiführer ausschwieg. Die Entsendung des Generalobersten J. W. Shikin als neuen Sowjetbotschafter in das ungehorsame Albanien machte indes das Bestreben Moskaus deutlich, die sowjetisch-albanischen Gegensätze in Grenzen zu halten.