G. M., London‚ im März

England droht der Abfall eines Bestandteils seiner Völkerfamilie. Während Indien, Pakistan, Ceylon, Ghana und Nigerien sich in voller Übereinstimmung mit dem Mutterland zu unabhängigen Mitgliedern des Commonwealth erklärt haben, Burma und Irland im Einvernehmen ausschieden, denkt die Zentralafrikanische Föderation ernsthaft daran, sich loszureißen – eine Aktion, die die Regierung Macmillan sehr widerwillig mit wirtschaftlichen Sanktionen, vielleicht sogar mit dem Einsatz britischer Truppen beantworten müßte.

Ein Gewaltstreich Sir Roy Welenskys, des Ministerpräsidenten der Föderation, könnte darüber hinaus Folgen zeitigen, die nicht nur die Engländer, sondern die ganze freie Welt betreffen. Nordrhodesien grenzt an den Kongo, und wenn sich hier ähnliche Wirren ausbreiten wie dort, so läge das Herz Afrikas dem Kalten Kriege offen.

Die Krise hat sich jetzt an der Frage einer neuen Verfassung für Nordrhodesien entzündet. Sie geht aber viel weiter zurück: Auf Betreiben der Südrhodesier, die praktisch seit 1923 die Unabhängigkeit genießen, wurde ihr Land 1953 mit den Kolonien Nordrhodesien und Njassaland ohne Befragung der afrikanischen Bevölkerung provisorisch zur „Zentralafrikanischen Föderation“ vereint. Nach sieben Jahren sollte eine Konferenz über das endgültige Schicksal dieses Gebildes entscheiden.

Die Verschmelzung der drei Gebiete, so hoffte man, werde ein lebensfähiges Ganzes schaffen, unter der Führung der 210 000 Weißen Südrhodesiens. Im Gegensatz zu der „Apartheid“ des südafrikanischen Nachbarn sollte das Gebiet nach Grundsätzen der „Partnerschaft zwischen den Rassen“ regiert werden. Aber auch heute hat es erst ein einziger Afrikaner bis zum Staatssekretär gebracht. Im Parlament der Föderation sitzen zwölf Afrikaner neben 44 Weißen; im Landesparlament Südrhodesiens sind die 2,5 Millionen Afrikaner durch kein einziges schwarzes Gesicht vertreten.

Die vom Londoner Parlament entsandte Monckton-Kommission berichtete im Oktober, daß die Föderation gründlich reformiert werden müsse, wenn sie Bestand haben solle; auf jeden Fall aber müßten die drei Gebiete das Recht zur Sezession erhalten.

Für das Landesparlament von Nordrhodesien forderte die Kommission eine schwarze Mehrheit – die Njassaland bereits eingeräumt worden ist. An diesem Punkt entzündete sich jetzt der akute Streit. Nach den Vorschlägen der Monckton-Kommission sollten die Landesregierungen auf Kosten der Föderation erheblich größere Vollmachten als bisher erhalten.