Von Günter Blöcker

Wie fragwürdig es auch um das bestellt sein mag, was man mit einem ebenso hilflosen wie anmaßenden Wort „Wiedergutmachung“ nennt – in den stilleren Bereichen unseres Daseins sind die Augenblicke echter Selbstbesinnung doch wohl häufiger, als man gemeinhin anzunehmen wagt, jedenfalls darf es als ein ermutigendes Zeichen gelten, daß ein sprödes, den Leser eher abweisendes Werk wie das Gertrud Kolmars, der Berliner Jüdin, die in einem hitlerschen Vernichtungslager von Staats wegen umgebracht wurde, so nachdrücklich an offenbar viele Herzen gerührt hat. Einer 1955 im Auftrage der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung erschienenen Ausgabe ihrer Verse, die bald vergriffen war, ist jetzt eine zweite, erweiterte gefolgt –

Gertrud Kolmar: „Das lyrische Werk“; Kösel-Verlag, München; 622 S., 29,80 DM

– und auch sie findet, wohin man hört, lebhafte Resonanz.

Ähnlich wie bei Felix Hartlaub hat gewiß auch hier das Biographische und das, wofür es steht, zu solcher Wirkung beigetragen. Hartlaub, die geisterhafte Intelligenz, der homo hermeticus, und Gertrud Kolmar, die durch Abstammung Gezeichnete und Erhobene – sie waren beide zu Opfern einer tollwütigen Zeit bestimmt, und sie wußten es. Schon der Ausgabe von 1955 war der Auszug aus einem Briefe Gertrud Kolmars beigegeben (Oktober 1941), worin die damals Sechsundvierzigjährige ihre Schicksalsbereitschaft mit staunenswerter Gelassenheit zu erkennen gab, den Willen, den ihr zugewiesenen Weg ohne Klage zu gehen. Für einen Augenblick schien sie selber von der Selbstverständlichkeit der ihr verliehenen Kraft überrascht zu sein: „Ich habe bisher nie so wie heute gewußt, wie stark ich bin, und dieses Wissen erfreut mich...“

Eben diese Kraft ist es auch, die – das Biographische nun weit hinter sich lassend – Gertrud Kolmars Gedichten den festen, dunklen Klang verleiht. Hier wird noch in der äußersten Heimsuchung eine Glocke geläutet, die nicht springt. Das Wort Trost ist zu abgegriffen und subaltern, als daß man es auf diese hoheitsvolle, durchaus unsentimentale Lyrik anwenden möchte. Aber es geht eine gewaltige Kräftigung von ihr aus, eine überästhetische Wirkung, wie sie ohne das Opfer der Person niemals erreicht wird.

Lebensopfer zu bringen, war schon früh Gertrud Kolmars Bestimmung. Wie Emily Dickinson lebte sie im Geheimnis, eine Verschlossene, der Pflanzen und Tiere näherstanden als das Gros ihrer Mitmenschen. Die lyrischen Zyklen „Tierträume“ und „Bild der Rose“ legen davon Zeugnis ab. Da wird der Naturgeist entbunden, und magische Naturnähe verschwistert sich mit durchdringender Spiritualität. Etwa in dem Gedicht „Die Kröte“, wo zunächst aus atmosphärischen Requisiten die Krötenwelt exakt aufgebaut wird, eine fahle Szenerie aus triefender Feuchte und modernden Blättern, aus der dann das gleißende „Ich bin die Kröte“ aufschießt. Ohne daß Naturwahrheit und zoologische „Dichtigkeit“ Schaden litten, wird das grundlos dem Abscheu der Menschen ausgelieferte Tier zur Person und erhebt sich in den Schlußzeilen „Komm denn und töte / mag ich nur ekles Geziefer dir sein / ich bin die Kröte / und trage den Edelstein“ zu mächtigem symbolischen Dasein. Oder in dem Zyklus „Alte Stadtwappen“ die köstlichen Verse über das Berliner Wappen: „In Silber, aufgerichtet, ein schwarzer Bär“. Das Wappentier, die mütterlich brummende Bärin, wird Anlaß zu einer Phantasmagorie über das Werden der Stadt; der lyrische Intellekt bemächtigt sich der naiven Situation, macht sie tief, heiter und ahnungsreich.