Von René Drommert

Eine Art Goldblech, rechteckig, 120 mal 100 Zentimeter groß, mit rund zwei Dutzend apfelgroßen Tupfern in derselben goldenen Farbe (so daß die „Monochromie“ gewahrt bleibt) liegt auf einem Sockel, zirka 20 Zentimeter über dem Fußboden. Auf diesem Goldblech sind über „plastische“ Gruppen angebracht. An einem Rande sind es fünf Rosen aus Papier mit Knospen und Blättern: vollkommener Panoptikumskitsch. Davon entfernt, in einer Ecke, liegt ein zweiter plastischer Aufsatz, ein kranzförmig ausgehöhlter, ultramarinblau gefärbter Naturschwamm.

Das befindet sich nicht etwa in einem Lachkabinett skurriler Spielereien. Es befand sich in einer sogenannten Kunstausstellung im Museum Haus Lange in Krefeld. Die Ausstellung trug den Namen „Monochrome und Feuer“ und zeigte die seltsamen Taten des aus Nizza stammenden, 1928 seltsamen Mannes Yves Klein. Bezeichnenderweise hat dieses mit Papierrosen und Schwamm dekorierte Blech auch einen Namen:„Ci-git l’espace“, zu deutsch: „Hier ruht der Raum“. Wer sich nun etwa fragte, was dabei unter „Raum“, was unter „Ruhen“ zu verstehen sei, würde natürlich auch dann nicht zu einem Ergebnis kommen, wenn er auf strenge Begriffsbestimmungen verzichtete. Aber es scheint ja jenen Besuchern, die heute irgendwo auf einer Ausstellung Kunst zu wittern glauben, einen mystischen Schauer zu bereiten, wenn sie an der Nase herumgeführt werden.

Dieses Goldblech plus Rosen plus Schwamm ist nun zwar ein Glanzstück dank der auffälligen Verbindung von Abstraktion und süßlicher Naturnachäfferei. Aber es ist keineswegs ein Unikum an Abstrusität und Lächerlichkeit. Es handelte sich in Krefeld um insgesamt 54 Ausstellungsstücke, und von ihnen war eins so „gut“ wie das andere.

Der seltsame Hang Yves Kleins, Naturformen vor den Karren seiner Abstraktionen zu spannen, zeitigt auch noch andere Blüten. So montiert er zum Beispiel rechteckige Malgründe auf sein Auto, mit dem er durch Südfrankreich fährt. Was sich auf diesen Rechtecken durch Regen und Wind abzeichnet, präsentiert er auf Ausstellungen. Es mag sein, daß Klein mit irgendwelchen technischen Mitteln gleichzeitig oder nachträglich die Naturformen ein wenig zu „regulieren“ versucht. Das Ergebnis ist jedenfalls nicht bloß lächerlich, es ist trist. Und Kritiker, die in Deutschland Rang und Namen haben, scheuen sich nicht, respektvoll zu vermerken, daß der „Meister“ diese Spielereien „Naturemetrie“ nennt.

Yves Klein, der es in letzter Zeit zu einiger Berühmtheit gebracht hat, gebraucht auch „lebendige Pinsel“. Ein blau eingefärbtes Mädchen muß sich nach den Direktiven des Meisters auf dem Boden wälzen, wo eine Leinwand ausgebreitet ist. Diese Naturabdrücke, die sich in der Summierung freilich zumeist „abstrakt“ ausnehmen, werden als Werke in Kunstausstellungen angeboten – und vielfach auch verkauft!

Nummer 44 der Ausstellung hieß: „Lecteur I. K. B. pétrifié“. Ein Leser, versteinert? In Wirklichkeit war es wieder ein ultramarinblau gefärbter, dieses Mal auf einem Sockel angebrachter Naturschwamm (siehe Abbildung). Beides ist grotesk: die Sache, die sich als Kunst ausgeben möchte, und ihre geheimnisvolle Kennzeichnung.