In der letzten Ausgabe haben wir uns, meine verehrten Leser, über die Frage unterhalten, inwieweit Bezugsrechte ein Ersatz für höhere Dividenden sein können. Ich versuchte Ihnen klarzumachen, daß es falsch ist, Bezugsrechte gleichzustellen mit Dividendenausschüttungen, denn die Dividende ist der Ertrag aus einem Kapital während das Bezugsrecht ein Teil des Kapitals selbst darstellt. Die Dividende unterliegt deshalb auch der Einkommensteuer, die Veräußerung von Bezugsrechten ist dagegen steuerfrei, weil es sich hier – wie gesagt – nicht um Einkommen handelt, sondern um einen Vermögensteil, der verkauft worden ist. Wenn man dennoch sagen kann, daß eine Kapitalerhöhung zu günstigen Abgabekursen in gewisser Beziehung als Ersatz für eine Dividendensteigerung angesehen werden kann, so liegt die Begründung dafür in der besseren Rendite, die sich ein Aktionär nach der Kapitalerhöhung ausrechnen kann.

Immer wieder, meine verehrten Leser, stellen Sie mir die Frage: Ist es günstig, bei dieser oder jener Gesellschaft die angebotenen jungen Aktien zu beziehen? Oder soll man das Bezugsrecht besser verkaufen Dabei suchen Sie selbst meist die Antwort auf einem falschen Gebiet. Sie liegt nämlich nicht in dem Bezugskurs selbst (hohe Bezugskurse schrecken vielfach ab), sondern auf einer ganz anderen Ebene.

Gerade in diesen Tagen bekomme ich zahlreiche Briefe, in denen dem Sinne nach folgendes steht: Sind Sie nicht auch der Meinung, daß der Ausgabekurs für die jungen Aktien bei den Farbwerken Hoechst mit 350 vH zu hoch ist? Das Risiko ist dochviel zu groß. Und außerdem: was soll dabei noch für eine Rendite herauskommen? Andere Unternehmen fordern viel weniger. Da versuche ich doch bei denen die billigeren Aktien zu bekommen.

Wir hatten uns kürzlich erst über die jungen Hoechster-Aktien unterhalten, so daß ich auf diesen Komplex nicht näher einzugehen brauche. Wer Daueranleger ist, wer die Mittel hat, die auf seinen Anteil entfallenden jungen Aktien zu beziehen, und wer das Gefühl hat, daß sein Wertpapierportefeuille noch eine Verstärkung des Chemie-Anteiles vertragen kann, braucht seinen Kopf nicht allzusehr zu zerbrechen. Er sollte die jungen Aktien auch dann beziehen, wenn sich in diesem Falle später nur eine geringfügige Verbesserung der Rendite ergeben wird.

Praktisch spitzt sich doch alles auf folgende Fragen zu: Ist die Gesellschaft, die neues Geld von mir fordert, es wert, daß man ihr weitere Ersparnisse anvertraut? Ist der Kurs ihrer Aktien „in Ordnung“? Sind sie aus irgendeinem Grunde nicht vielleicht überbewertet Erst wer über dieses Problem Klarheit gewonnen hat, kann seine Entscheidung treffen.

Wer allerdings meint, daß man der kapitalfordernden Gesellschaft kein neues Geld geben dürfe, der muß sich sofort fragen, ob es von seinem Standpunkt nicht besser ist, die Aktien dieses Unternehmens schnellstens zu verkaufen. Denn ohne Zweifel dürfte dann doch etwas nicht in Ordnung sein. Wer der Ansicht ist, daß der Kurs der Aktien überbewertet ist, der tut ebenfalls nichts Besseres, als seinen gesamten Bestand abzustoßen.

Praktisch hat man sich beim Bezug junger Aktien lediglich zu überlegen, ob man die alten Aktien für kaufenswert hält. Erst wenn man diese Frage bejaht, soll man von seinem Bezugsrecht Gebrauch machen. Verneint man sie, dann muß sofort geprüft werden, inwieweit es nicht höchste Zeit ist, sich von den betreffenden Aktien überhaupt zu trennen. Denn wer will schon Wertpapiere in seinem Bestand haben, die nicht „anlagewürdig“ sind?