Wenn in Westberlin die nächste Opernspielzeit beginnt, dann wird die neue Intendanz auch ein neugebautes Theater eröffnen, und dieses soll einen neuen Namen tragen: „Deutsche Oper Berlin“. Zwar handelt es sich um einen Neubau auf altem Grund und Boden; doch der angestammte Name „Deutsches Opernhaus“ – so las man in einer amtlichen Mitteilung – sei diskreditiert durch die nationalsozialistische Periode des Charlottenburger Instituts. Immerhin hieß aber die Städtische Oper Berlins „Deutsches Opernhaus“ schon seit 1912. Die Geschichte des Hauses verzeichnet also auch ruhmvolle Zeiten.

Als zweites Motiv für die Umtaufe werden repräsentative Aufgaben des neuen Hauses genannt. Tatsächlich hat sich die Berliner Opernsituation grundlegend geändert. Die ehemalige „Preußische Staatsoper“ wird im Ostsektor der Stadt vom Zonenregime als „Deutsche Staatsoper“ geführt. Somit muß das ehemals zweite Opernhaus der Reichshauptstadt, die Städtische Oper in Charlottenburg, für Westberlin ebenfalls zentrale Bedeutung und Staatsopernrang anstreben. Die verschiedenen Traditionsströme des einst in vier Häusern differenzierten Berliner Opernlebens sollen von einem einzigen Institut aufgenommen werden. In dem Namen „Deutsche Oper Berlin“ bekundet sich ferner der künftige Geltungsanspruch Berlins als Theaterhauptstadt Deutschlands auf dem Gebiet der Oper.

Die Gründe lassen sich hören, wenn sie auch nicht alle überzeugen. Doch der neue Name ist unglücklich gewählt. Er sanktioniert an maßgebender Stelle, wie Berlin es ist, eine um sich greifende sprachliche Unsitte. Immer häufiger treten sogar im offiziellen Amtsdeutsch solche Prägungen auf wie „Schauspielhaus Bochum“ – obwohl es richtiger wäre, sich an einem Titel wie „Düsseldorfer Schauspielhaus“ zu orientieren, den sich Gustaf Gründgens bei der Neugründung dieses Theaters von dem früheren Titelbesitzer, Gustav Lindemann, genehmigen ließ. Mit demselben richtigen Sprachgefühl bezeichnet sich die gegenwärtige Gründgens-Bühne als „Deutsches Schauspielhaus in Hamburg“. Dagegen untertreibt die Hamburger Oper ihren gegenwärtigen Rang durch den altüberkommenen Namen „Hamburgische Staatsoper“, als ob sie nicht nur in Hamburg, sondern dort gleichsam auf St. Pauli gelegen sei und aus der Fülle von Opernmöglichkeiten nur spezifisch Hamburgisches biete.

Wenn die Berliner Oper ihren Standort weder als Bestimmungsort vor – noch mit „zu“ oder „in“ hinter das tragende Sachwort „Oper“ setzt, dann wird eine provinzielle Sprachunsitte wohl bald auch vom Duden mindestens als gebräuchlich verzeichnet werden müssen. Das wäre bedauerlich.

Nicht geringere Verwunderung erregt es, daß in Berlin ein mit dem Theater seit einem halben Jahrhundert vertrauter Kultusminister wie der Senator Professor Tiburtius dem Begriff „Deutsche Oper“ zugestimmt haben soll, um mit dieser Formel einen Ranganspruch Westberlins zu dokumentieren. Schon bei der unglücklichen Benennung des Gemeinschaftsinstituts der Städte Düsseldorf und Duisburg als „Deutsche Oper am Rhein“ wurde vergeblich daran erinnert, daß „Deutsche Oper“ in der Musikgeschichte stilistisch und institutionell den Gegensatz zur italienischen Oper bedeutet.

Da uns Mozart ein lebendiger Besitz ist, sollte die Begünstigung der Stilgattung „Deutsche Oper“ durch Kaiser Joseph II. in der damaligen Reichshauptstadt Wien, wo die italienische Oper vorherrschte, nicht als längst vergangen und vergessen behandelt werden. Bezeichnenderweise wurde noch vier Jahrzehnte nach der Gründung des Wiener „Nationaltheaters“ in Berlin Webers deutsche Oper „Der Freischütz“ im Königlichen Schauspielhaus uraufgeführt, während in der Hofoper die italienische (oder welsche) Spezies herrschte.

Aber auch unabhängig von stilgeschichtlichen Überlegungen sollten wir allergisch geworden sein gegen die Verwendung des Adjektivs „deutsch“ für alles, was mehr als lokale oder regionale Funktionen hat. Im Dritten Reich ist mit dem „Deutschen“ vom Kaninchenzüchterverband bis zur „deutschen Ehre“ soviel Unfug getrieben worden, daß unser Sprachgefühl sich lange Zeit gegen das billige Etikett „deutsch“ wehren sollte, wo es sich weder um staatliche noch um sachliche Unterscheidungen, sondern um Prestige handelt.