Es ist, als habe von dem frischen Wind, der seit neuestem in Amerika weht, eine kleine Brise nun auch das alte Europa gestreift. In ungewohnt schneller Folge gab es Konferenzen, die dort günstige Zeichen setzten, wo eine Zeitlang alle Hoffnung schon verloren schien. Die langersehnte Brücke zwischen England und dem Sechser-Kontinent, sie ist zwar noch nicht gebaut, doch wird an ihrem Konstruktionsplan emsiger gearbeitet als wohl je zuvor.

Als in der letzten Woche Konrad Adenauer von der Themse an den Rhein zurückfuhr, ließ er in London einen Gesprächspartner zurück, der sich über eines ganz im klaren sein mußte: Großbritannien erhält keinen Zutritt zur Beletage des Sechsergebäudes, solange es sich nicht auch in Küche und Keller am gemeinsamen Haushalt beteiligt. Keine politische Konsultation ohne wirtschaftliche Verpflichtung! Wenn der Kanzler bei seinem Gespräch mit Macmillan dennoch jene Mittlerrolle erfüllte, die man allerorten von ihm erwartet hatte, so lag sie darin, daß er dem britischen Premier deutlich zu verstehen gab, er habe Verständnis für jene englischen Sorgen, die mit der Landwirtschaft und dem Commonwealth zusammenhängen.

Dies war ein Wink, der darauf hindeutete, daß das EWG-Haus wenn nicht gerade eine Hintertür, so doch vielleicht eine Seitentür hat. Und als sich wenige Tage später in Paris der britische Lordsiegelbewahrer und „Europa-Minister“ Heath mit den sechs EWG-Außenministern an den Verhandlungstisch setzte, zeigte sich, daß die in der Diplomatie wohlerfahrenen Inselbewohner auf derlei Winke schnell zu reagieren verstehen. Auf dieser Tagung, deren äußere Klammer die aus dem Dornröschenschlaf erweckfe Westeuropäische Union abgab (WEU – ein lockerer Zusammenschluß der Sechs plus Großbritannien), präsentierten die Engländer sogleich eine sorgfältig durchgefeilte Erklärung. Darin kam zum Ausdruck, daß die Insel sich bereitfinden konnte, der EWG beizutreten, sofern sich ein Modus finden ließe, der die Landwirtschaft ausklammert.

Was das im einzelnen bedeutet, wurde in Paris nicht erörtert. Soviel aber steht fest: Nie zuvor hat Großbritannien seine Bereitschaft zum Beitritt in die EWG in so formeller und bindender Weise geäußert. Es ist nun an den sechs Kontinentalstaaten, nachzufassen und durch präzise Vorschläge herauszufinden, ob es in der von England angedeuteten Richtung auch wirklich einen gangbaren Weg gibt.

Auf der anderen Seite muß London glaubhaft machen – und zwar insbesondere gegenüber dem immer noch sehr skeptischen Paris –, daß es sich hier um etwas anderes handelt als um eine Wiederaufwärmung des alten Freihandelszonen-Projektes. Eine gute Gelegenheit dafür geben die britischfranzösischen Expertenbesprechungen, die Anfang dieser Woche in London begonnen haben.

London – dies wird bei alledem doch sehr deutlich – hat erkannt, daß nun die letzte Chance gekommen ist, ein Billet für den europäischen Bus zu lösen. Dieser Bus freilich – wir wollen es unmißverständlich sagen – fährt nicht in ein integriertes, sondern nur in ein konföderiertes Europa.

Es ist dies ein Fahrtziel, auf das hin sich die französischen Wünsche und die englischen Interessen zu verbinden scheinen. So hat sich der britische Handelsminister Maudling am letzten Wochenende eindeutig für ein „Europa der Vaterländer“ ausgesprochen, wie es de Gaulle vorschwebt. Dieses Bild eines künftigen Europas entspreche am ehesten den britischen. Ansichten. Maudling fügte hinzu, in letzter Zeit habe über der Frage des britischen Verhältnisses zu Europa ein leichter Nebel gelegen.