Die VW-Zeichnungsaktion, die am 15. März ausläuft, hat glücklicherweise einige Tage günstiges Börsenklima erlebt. Das wird ihr förderlich sein. Nach den bislang vorliegenden Ergebnissen kann man zwar damit rechnen, daß die Aktien schon durch das 1. Zeichnungsangebot (mit Sozialrabatt) voll placiert werden können, aber von einem Run auf die VW-Aktien kann keine Rede sein. Die mangelnde Begeisterung wird auf zweierlei zurückgeführt: 1. Die Autoabsatzkrise in vielen westlichen Ländern, und 2. Rückgang der Aktienkurse seit September 1960. Beides verliert an Gewicht. Die Januar-Zahlen der deutschen Kraftfahrzeugindustrie brachten neue Rekorde. Ohne Zweifel würde das nicht der Fall sein, wenn die Werke nicht einigermaßen sicher wären, daß sich die Produktion auch absetzen ließe. Borgward war ein Sonderfall, der wahrscheinlich bereinigt werden kann. Und die Aktienkurse? In der vergangenen Woche haben wir erstmals eine stetige Aufwärtsbewegung erlebt. Ihr Tempo war erfreulicherweise gemäßigt, sieht man von den Kurssteigerungen am Bankenmarkt ab. Nirgends Überhitzungen!

Wird das bessere Klima von Dauer sein? Viele Experten bejahen diese Frage. Sie sagen: Der Rückschlag kam, als die Bremsen der Notenbank zu wirken begannen, als das Geld so knapp gehalten wurde, daß viele Privatpersonen, Firmen und auch Banken gezwungen waren, sich durch den Verkauf von Wertpapieren flüssig zu machen. Außerdem hörten zum gleichen Zeitpunkt die Käufe des Auslandes auf, das damals einzusehen begann, daß Spekulationen auf eine DM-Aufwertung nicht aufgehen würden.

Und wie steht es heute? Die Notenbank hat ihr Ruder herumgeworfen. Jedenfalls im Geiste. Sie hat heute eine andere Konzeption als im vergangenen Jahr. Sie mochte das Geld wieder reichlicher machen; das Tempo ist der Börse erst in zweiterLinie wichtig. Am Rentenmarkt ist die Zinssenkung schon vorweggenommen. 6prozentige Pfandbriefe, die vor gar nicht langer Zeit zum Kurs von 90 vH nicht ohne Schwierigkeiten abzusetzen waren, sind teilweise auf 100 vH angelaufen. Neue werden nur noch in kleinen Beträgen abgegeben. Wir steuern auf den 5 1/2prozentigen Typ zu. Forsche Optimisten sehen am Jahresende bereits den 5prozentigen Pfandbrief.

Damit nähert sich dann die Rendite des Rentenmarktes weiter der Aktienrendite, die bei einigen Montanwerten um 4 vH herum liegt. Da es nun doch auf breiter Front zu Dividendensteigerungen zu kommen scheint, wird die Annäherung von der Aktienseite weitere Fortschritte machen. Es ist also vieles in Bewegung geraten. Das wird, so meinen die Haussiers, auf die Kurse abfärben.

Erstaunlich ist es, daß das Thema Entwicklungshilfe keinen negativen Einfluß auf die Börsentendenz ausgeübt hat. Vier Milliarden DM jährlich sind schließlich kein Pappenstiel. Die Reaktionslosigkeit ist nur zum Teil mit dem Umstand zu begründen, daß man in Bonn immer wieder hört: Das Geld wird ohne Steuererhöhungen aufgebracht. In Banckreisen denkt man weiter. Hier glaubt man an „leichtes Geld“. Die Milliardenforderungen sind nur zu erfüllen, wenn die Zinsen kräftig gedrückt werden. Von Konjunkturdämpfung kann dann keine Rede mehr sein. Es läßt sich heute schwer abschätzen, wie sich künftig die Preise entwickeln werden. Die Richtung dürfte allerdings feststehen, wenn man sich die Lohnforderungen ansieht, die von den Gewerkschaften gestellt worden sind. An dieser Stelle ist schon vor einigen Wochen angedeutet worden, daß der Substanz-Gedanke mehr in den Vordergrund der Anlageerwägungen zu rücken scheint. Vieles deutet darauf hin, daß er bereits rückt...

Und das Ausland? Es hat in den letzten Wochen ständig IG-Farben-Nachfolger, AEG und Siemens gekauft und damit zur festeren Tendenz bei den deutschen Aktien wesentlich beigetragen. Zu einem großen Teil handelt es sich um echte Anlagekäufe, die vorgenommen wurden, weil man langfristig in den deutschen Spitzenaktien eine Chance sieht. In letzter Zeit ist das spekulative Element allerdings hinzugekommen. Man spricht wieder von der DM-Aufwertung. Aufgebracht wurden die Aufwertungsversionen durch jene Bonner Kreise, die mit Hilfe der Aufwertung das deutsche Preisklima wieder beruhigen möchten. Ihr politischer Einfluß, auch wenn es sich um Minister handelt, ist jedoch nach Meinung der Börse umstritten. Es ist deshalb gefährlich, darauf Anlagepositionen aufzubauen.

Neben dem Ausland war in der vergangenen Woche auch der Berufshandel Käufer deutscher Aktien. Der noch einigermaßen ausgeglichene Geldmarkt erlaubte ihm einige Bewegungsfreiheit. Aber im Grunde sind seine Mittel beschränkt. Die Börse braucht zur Aufrechterhaltung der freundlichen Stimmung Nachschub durch das breite Publikum. Aber hier bricht das Eis! Die Banken berichten, daß das Interesse ihrer Kundschaft am Börsengeschehen wieder wächst. Man ist bereit, „einiges zu riskieren“. Sicherlich wären die Auswirkungen der aufgelockerten Haltung auf die Kurse viel stärker, wenn nicht gleichzeitig erhebliche Mittel durch die Kapitalerhöhungen aufgesogen werden. Es ist jedoch ein gutes Zeichen, daß die Mehrzahl der Aktionäre die ihnen zustehenden jungen Aktien bezieht.

Kurt Wendt