Von Edgar Bissinger

In der Wettbewerbslage, in der sich die europäische Textilindustrie heute befindet, würde es auch jeder andere Wirtschaftszweig schwer haben. Im ersten Teil dieses Beitrages (DIE ZEIT Nr. 9) wurden Wege beschrieben, die, so verschieden sie auch im einzelnen sind, letztlich auf ein „Gesundschrumpfen“, d. h. auf eine Kapazitätsverminderung hinauslaufen. Heute soll von Betrieben die Rede sein, die sich trotz Importdruck und Pessimismus betriebswirtschaftlich „freischwammen“, ohne ihre traditionellen Rohstoff- und Branchenbindungen aufzugeben. Sie düngen den alten Boden mit neuen Ideen und machen ihn so wieder ertragreich. Sie rationalisieren und automatisieren. Die Aufwendungen hierfür waren hoch und überstiegen das Maß, das früher üblich war, aber sie waren erfolgreich. Und darauf vor allem kommt es an.

Sicher hat die Textilindustrie trotz ihrer gedrückten Preise, die noch immer um rund 10 vH unter dem Stand vor elf Jahren liegen, auch schon früher stark investiert. Selbst in den am schwersten von der Depression betroffenen Jahren 1958 und 1959 wandten die Betriebe für reine Maschinenkäufe 380 bzw. 340 Mill. DM auf und erhöhten diese Beschaffungsquote 1960 wieder auf mehr als 400 Mill. DM.

Aber größere Märkte bringen mehr Wettbewerber und verlangen gebieterisch nach noch höheren Aufwendungen, um vor allem, auch das Lohnproblem lösen zu können. Da die Arbeitskräfte knapp sind, müssen auch die schlechter verdienenden Betriebe in etwa die Löhne zahlen, die die ertragreicheren ihren Arbeitern und Angestellten gewähren. Daß die Löhne auf die Maßstäbe von Wachstumsindustrien zugeschnitten sind, liegt in der Natur des Arbeitsmarktes in Zeiten der Vollbeschäftigung. Wachstumsindustrien haben aber parallel laufende Indexkurven für Preise und Löhne und kennen keine Diskrepanzen wie die Textilindustrie, die beim Lohnindex die stolze Höhe von 178 erreicht hat, während die Kurve ihrer Preise bei 90 verharrt.

Die Finanzierung von Rationalisierungsinvestitionen bereitet bei Textil echte Schwierigkeiten. Die Mitte 1959 begonnene und noch anhaltende Konjunkturbesserung hat zweifellos vieles auch auf diesem Gebiet erleichtert. Die 1960 geschmolzenen Zuwachsraten in den Auftragseingängen, auf die heute gelegentlich hingewiesen wird, stellen nicht das Ende der Konjunktur dar, sondern beruhen auf lagerzyklischen Vorgängen. Der Abfluß der Ware über den Ladentisch stieg 1960 um weitere 9 vH, und auch der Januar 1961 lag wiederum um 4 vH über dem Januar 1960. Der etwa ein Drittel der Produktion ausmachende Anteil technischer Textilien bietet ohnehin keinen Anlaß zu Absatzsorgen.

Ein Textilbetrieb, der in einer in größeren Räumen operierenden Wirtschaft wettbewerbsfähig bleiben will, muß vor allem auch die unterschiedlichen Belastungen auf den internationalen Märkten kalkulatorisch ausgleichen können. Da der Rohstoffeinkauf mit gewissen Ausnahmen (z. B. Jute, die von Pakistan und Indien mit Exportzöllen belegt wird, damit sie im Inland billiger verarbeitet werden kann als in den technisch leistungsfähigeren Betrieben der USA und Europas) für alle zu gleichen Bedingungen erfolgt, betrifft dies vor allem das Steuer- und Lohnkonto.

Der Wollpreis auf den Versteigerungen in Brisbane, Sidney oder Kapstadt ist für Japaner, Sowjetrussen, US-Amerikaner oder Bundesrepublikaner der gleiche. Das unterschiedliche Lohnniveau dieser Nationen dagegen – wir liegen bei den Textillöhnen jetzt bereits 20 bis 25 vH über unseren holländischen Nachbarn – kann praktisch nur ausgeglichen werden, wenn die Produktivität je Kopf so weit gesteigert wird, bis der einzelnen Arbeitskraft der Spitzenlohn gezahlt werden kann, der einerseits dem allgemeinen Niveau im sozialen Wettbewerb entspricht, andererseits aber – bezogen auf den Umsatz – als prozentualer Kalkulationsfaktor wesentlich geringer ist. Dieses Ziel kann nur durch sehr hohe Investitionen erreicht werden.