Tankstellenbesitzer Wilhelm hatte Anselm, dem Vertreter, einen Reifenwechsel mit auf die Benzinrechnung geschrieben: warum sollte man sich nicht gegen das Finanzamt verschwören? – dachten sie beide. Wenig später jedoch blieb Anselm mit seinem Wagen auf der Strecke liegen – beim letzten Reifenwechsel, so stellte sich heraus, war die Benzinleitung verklemmt worden. Die Reparatur wurde nicht kostspielig, aber mit Abschleppkosten und Verdienstausfall immerhin 200 DM. Die wollte Anselm von Wilhelm wiederhaben.

Der Beklagte sah der Klage gelassen entgegen. Zwar habe der Kläger am „fraglichen“ Tage bei ihm getankt, den Schaden bestreite er auch gar nicht – nur von einem Reifenwechsel könne keine Rede sein; er habe Wilhelm damals lediglich einen Wagenheber geliehen und ihn den Reifen alleine wechseln lassen. Ebenso gelassen holte Anselm eine Quittung aus der Tasche: das fragliche Datum... 20 Liter Super... ein Reifenwechsel... darunter Wilhelms Namenszug.

Wilhelm ließ sich nicht erschüttern. Ja, die Quittung habe er schon ausgestellt, Wilhelms Reifen aber sei in der Tankstelle nicht gewechselt worden. Warum er dann quittiert habe, wollte der neugierige Richter wissen. Erstaunt über solche Lebensfremdheit, holte Wilhelm zu einer geringschätzigen Begründung aus – bekam aber noch rechtzeitig einen heftigen Rippentriller von seinem Anwalt. Er stutzte erst, dann meinte er, so genau könne er es nicht erklären, schließlich sei er ja kein Jurist; jedenfalls sei er bereit, sofort zu beschwören, daß der Reifen weder von ihm noch von seinen Leuten gewechselt wurde.

Das interessierte den Richter wenig: er verurteilte Wilhelm zu 200 DM Schadensersatz. Nach den ehernen Regeln der Beweislast, so erläuterte er, komme es im Zivilverfahren nicht auf die wirklichen, sondern nur auf die im Prozeß erwiesenen Tatsachen an. Den Schaden und seine Ursache habe der Beklagte nicht bestritten, daher erübrige sich ein Beweis. Daß aber der Reifenwechsel vom Beklagten ausgeführt worden sei, habe der Kläger Anselm dadurch bewiesen, daß er die Quittung vorlegte. Natürlich könne Wilhelm dartun, daß ihr Inhalt unrichtig sei – aber das müsse er nun seinerseits beweisen.

Wilhelm hörte sich das schweigend an, dann zahlte er die 200 DM und die Prozeßkosten. Anselm stellte ihm hierüber eine korrekte Quittung aus. Die kann Wilhelm nun ohne Bedenken beim Finanzamt einreichen. Helmut Donau