Der ebenso prominente wie gescheite Gesprächspartner seufzt leise, legt bedächtig die Fingerspitzen aneinander, blickt zur Decke empor, als wollte er sich dort die Inspiration holen, und meint dann: „Wissen Sie, wir alle wollen eigentlich noch gar nicht an den Wahlkampf denken. Das ist noch so lange hin – sieben Monate. Wer will sich schon im voraus strapazieren! Eines ist aber wohl uns allen klar: es wird ein kurzer Wahlkampf werden, daran sind wir alle interessiert. Willy Brandts Stimme trägt nicht sehr, sie könnte ihm in einem wochenlangen Wortgeklirr ganz wegbleiben. Und stellen Sie sich vor – der sozialdemokratische Kanzleranwärter heiser krächzend vor den Wählern! Geht nicht. Tja, und der Bundeskanzler, unerhörte Vitalität hin, unerhörte Vitalität her, man soll das Schicksal nicht herausfordern. Er darf seine Kräfte nicht verschleudern. Unausdenkbar, wenn ihn die Sekretärin eines Tages – mitten im Wahlkampf – ermattet vom Leben und Kampf am Schreibtisch fände; mit 85 Jahren muß man zwar auf alles gefaßt sein, aber der Schock wäre ungeheuerlich...“

Hinter vorgehaltener Hand wagt der eine und andere Eingeweihte auch offener formulierte Befürchtungen (wenn es sich um die eigene Partei handelt) oder kräftiger gesalzene Prognosen (wenn es um die Gegenseite geht). Dabei rücken die beiden großen Gegenspieler im Persönlichkeits-Wettbewerb der kommenden Bundestagswahl zeitweilig in das harte Schlaglicht ausgesprochener Zweifel. Man wird diese Zweifel niemals offiziell zugeben, ja – man wird sie mit ziemlicher Sicherheit entrüstet leugnen, wie es sich vor einem Wahl,,kampf“ gehört. Aber selbst Herzen, die hörbar links schlagen, stocken einen Augenblick, wenn man sie ohne Boshaftigkeit befragt, wie sehr sie denn von Willy Brandts Wahlchancen überzeugt seien. Da wird dann – ein wenig zaghaft und mürrisch – zugegeben, daß nicht nur Brandts Stimmbänder Argumente für einen kurzen Wahlwortkampf liefern, sondern auch die Beobachtung, daß seine persönliche Ausstrahlung aus irgendeinem Grunde zu verblassen scheine, daß die „Brandt-Woge“ zweifellos etwas abgeebbt sei.

War es denn also richtig, auf diesen Popularitätstest zu setzen und ihm zuliebe das alte Parteiprogramm – mag man davon halten, was man will – zu verschrotten? Wird sich bewahrheiten, was der strahlende „junge Mann“ aus Berlin zu verheißen schien: daß die jüngere Generation ihm (wie in Amerika dem John Kennedy) zuströmt, daß er auch die „heimatlosen“ linksliberalen Bürgerlichen einsammeln kann, die sich bis jetzt an den Festungsmauern altehrwürdiger marxistischer Parteiphilosophie und Phraseologie die Köpfe einstießen?

Die Altmarxisten in der SPD grollten vernehmbar – so geben versierte Beobachter der deutschen Sozialdemokratie zu. Für sie sei „Hannover“ ohnehin glatter Verrat an der Sache, und daß dabei nichts Gutes herauskommen könne, sei ihnenklar. Die anderen, die Brandt zum Ziel trugen, hätten aber auch, heißt es weiter, mit der Zeit ihre geheimen Zweifel daran bekommen, ob die Feuerglut, des Brandt-Charmes ausreichen werde, die eherne Rüstung des Bundesdenkmals Adenauer einzuschmelzen. Brandt sei doch auch verwundbar, und man könne doch nicht erwarten, daß seine Gegner – und führten sie sich noch so fein auf – ganz darauf verzichteten, eben diese verwundbaren Stellen des sozialdemokratischen Spitzenkandidaten aufzuspüren. „Wie erfolgreich er sichdagegen zur Wehr setzen kann, hängt doch beträchtlich davon ab, wie sehr er selbst die Volksgunst für sich zu haben glaubt“, meinte ein Bonner Parteipsychologe.

Doch wird gerade aus Brandts Heimatfeste Berlin berichtet, daß die Popularität des Regierenden Bürgermeisters im Schwinden sei, weil die Berliner dahinter gekommen wären, daß er gar nicht regiere, sondern die Regierungsgeschäfte allzu gern seiner – ein hartes Wort! – „Publizitätssucht“ opfere. Gewiß schließt die SPD ihre Reihen hinter Willy Brandt, auf Gedeih und Verderb, aber ob ihr so richtig wohl dabei zumute ist, steht auf einem anderen Blatt...

Auf der Gegenseite ragt Konrad Adenauer, neu vergoldet durch die Begegnungen mit de Gaulle und Macmillan, scheinbar unerschütterlich in den Bundeshimmel. Was aber, wenn die angeblich immer häufiger auftretenden Ermüdungszustände des Kanzlers – in seinem Alter nur zu natürlich – gerade im Endspurt des Wahlkampfes sichtbare Folgen zeitigen? Stimmt es, daß er gelegentlich Momente „geistiger Abwesenheit“ hat, in denen er den Gesprächspartner und den Gegenstand des Gespräches vergißt? Mein eingangs erwähnter Gesprächspartner hat gewiß recht: Die Schockwirkung einer ernsten Erkrankung Adenauers auf dem Höhepunkt des Wahlkampfes wäre nicht auszudenken. So hat sich auf beiden Seiten ein uneingestandenes, aber tiefes Unbehagen eingenistet.