Wir haben prominente Persönlichkeiten des sogenannten kulturellen Lebens gebeten, an dieser Stelle ihrer Meinung zu aktuellen Fragen Ausdruck zu geben. Erich Kästner, Carl Zuckmayer und Rudolf Hagelstange wollen dabei mitwirken. Den Anfang macht heute Professor Dr. Walther Killy, als Nachfolger von Wolfgang Kayser Ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Göttingen.

Die höhere Schule, oft reformiert, macht seit langem Sorge. Die positiven Kenntnisse der Abiturienten gehen zurück. Bei vieljährigem Sprachunterricht kommen häufig nur oberflächliche Kenntnisse heraus, und das Deutsch ist schlecht. Das vielzitierte Abendland wird sein Dasein nur noch in den Leitartikeln fristen; der heutige Abiturient nämlich gehört zur ersten Generation einer unabendländischen Epoche: er kennt weder die Bibel, noch weiß er etwas von den Alten. Aber er wird ermutigt, über beide zu reden.

Angesichts dieser Lage sollte man meinen, daß sich die deutschen Schulbehörden (wie die Behörden der konkurrierenden Länder in West und Ost) bemühen, die Schüler so früh und so lange wie möglich zu solider Arbeit zu bringen und grundlegende Kenntnisse zu vermitteln; man sollte denken, daß eine Reform, die tief in die Struktur der Schule eingreift, mit den unmittelbar Beteiligten ruhig besprochen und ohne Hast verwirklicht würde.

Das ist nicht der Fall. Die Kultusminister der deutschen Länder haben, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, eine „Rahmenvereinbarung zur Ordnung des Unterrichts auf der Oberstufe der Gymnasien“ verabschiedet und damit die Schulverhältnisse auf dem Verordnungswege grundlegend geändert. Die darin zwar angeordnete, aber nicht beschriebene „Arbeitsweise der Oberstufe“ ist – um das Ministerialdeutsch zu gebrauchen – noch 1961 „voll durchzuführen“.

Die Ziele dieses Rahmenplans, Konzentration und Vertiefung, sind vernünftig, seine Wege aber sind grundlos. Die Unter- und Mittelstufe der höheren Schulen wird so verbleiben wie bisher. Die Oberstufe kennt auf den neuen Wegen nur noch vier für die einzelnen Schultypen verbindlich vorgeschriebene Fächer, zu denen jeweils ein nach dem Schultypus verschiedenes „Wahlpflichtfach“ kommt. Dies bürokratische Wortungetüm bezeichnet ein Fach, das der Schüler zu wählen verpflichtet ist. Auf diese Weise werden in der Oberstufe die Bemühungen der Primaner auf einige wenige Gebiete gelenkt, zu denen musische und Leibesübungen kommen, sowie eine neue Schöpfung, die „Gemeinschaftskunde“.

Eine solche Art von Konzentration, die auf den ersten Blick plausibel erscheinen mag, birgt kaum zu überschätzende Gefahren. Künftig wird der Zögling eines „altsprachlichen Gymnasiums“ lediglich vier Jahre Englisch zu treiben genötigt sein; das ist alles, was er an modernen Fremdsprachen erlernt, es sei denn, er gehe auf eines jener „altsprachlichen Gymnasien“, die zwar von der Unterrichtsverwaltung so genannt werden, aber nicht die alten Sprachen, sondern nur Latein und Französisch lehren.

Schlimmer liegt es bei dem sogenannten „neusprachlichen Gymnasium“, wohl der besuchtesten Schulart. Hier dauert der Pflichtunterricht im Lateinischen, Voraussetzung zum Studium besonders in den philosophischen Fakultäten, lediglich vier oder gar nur zwei Jahre. Er endet drei Jahre vor dem Abitur und reicht nicht zur Hochschulreife. Dazu kommt, daß in dem gleichen Schultyp auf der Oberstufe nicht mehr verbindlich von irgendeiner Naturwissenschaft die Rede sein wird. Am unwahrscheinlichsten aber ist die Regelung für das „mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium“, welches seinen Namen offenbar der Tatsache verdankt, daß als einziges naturwissenschaftliches Pflichtfach der Oberstufe Physik gelehrt wird.