Der Stoffhunger des Fernsehens bringt es mit sich, daß auf unseren Bildschirmen regelmäßig Streifen erscheinen, die dort eigentlich nichts zu suchen haben: ganz gewöhnliche Kinospielfilme. Doch auch sie tragen nur bedingt zur Bereicherung des Fernsehprogramms bei – wohl in technischen Fragen der Ausleuchtung, des Arrangements und der Kameraführung, aber so gut wie gar nichts, was den Stoff oder das Künstlerische betrifft. Nichts gegen Popularitäten vom Schlage der Camillo-Peppone-Serie im Sonntagsnachmittagsprogramm – auch der Jux harmloseren Zuschnitts muß seinen Platz im Fernsehen haben. Daneben aber doch auch das Anspruchsvolle, das Artistisch-Gewagte, das Intellektuell-Bedeutsame.

Hier hat das Fernsehen in der Auswahl eine unglückliche Hand; wenn es einmal nicht verstaubte Bagatellen wie jüngst den bejahrten Alec-Guinness-Film ans Tageslicht zieht, zeigt es sich ambitioniert und bringt die unausgegorenen Experimentalfilme Manfred Durnioks oder die nicht für den Film geeigneten Thesenstücke Sartres. Das wirklich Interessante und Sehenswerte kommt daher nicht zum Zuge. Natürlich macht es dem Fernsehen zu schaffen, daß die Verleihfirmen das Vorkaufsrecht haben und auf einmal Angekauftem eine langjährige Option besitzen. Doch es gibt genug, was die Verleiher nicht ankaufen, aufregende Sachen sind gedreht worden, die kein deutscher Kinogänger je zu sehen bekam, weil sich irgendein Filmkaufmann nichts davon versprach. Hier hätte das Fernsehen seine Chance; das Gerät in der Zimmerecke könnte – einmal in der Woche – ein ganzes Festivalhaus ersetzen. Statt dessen bleibt es die kleinstädtische Turnhalle mit dem bunten Abend oder die Volkshochschule mit Expeditionsfilm und Lichtbildervortrag.

Frankreichs „Neue Welle“ hat jetzt ein Jahr lang unsere Lichtspielhäuser überflutet. Zugegeben, manches davon war nicht besonders sehenswert. Aber es gibt ja zum Beispiel auch die jungen Polen, die heute offenbar die interessantesten Filme in ganz Europa machen. Davon bekommen wir nichts zu sehen. Der russische „Kraniche“-Film und Bulgariens „Sterne“ machten uns im Kino neugierig, was sonst dortzulande gedreht wird; das dreiteilige „Stille-Don“-Epos hat bei den internationalen Festspielen in Karlsbad Furore gemacht – davon brachten selbst unsere Kinos nur den ersten Teil. Auf den Festivals von Cannes, Venedig, San Sebastian und Mexiko werden Jahr für Jahr Dutzende von Filmen preisgekrönt, aber in Deutschland errichtet das kommerzielle Verleihdenken unüberschreitbare Schranken vor ihrem Import. Da wären Möglichkeiten genug für unser sonst doch so oft zur Unzeit avantgardistisch gestimmtes Fernsehen, das uns in seiner Bildungsbeflissenheit Monat für Monat ausgiebig die Herstellung von Glas, Aluminium und anderen Metallen betrachten läßt.

Der Kino-Film hat vielleicht, streng genommen, auf der Fernsehbildröhre nichts zu suchen. Aber es ist mit dem Fernsehen nicht so bestellt, daß man Kostbarkeiten opfern müßte, um eine filmische Denkwürdigkeit aus Japan oder Mexiko ins Programm einzuschmuggeln. Wenn Sendungen ausfallen und Lücken in der Programmgestaltung entstehen (wie jetzt bei der abgesagten Eislaufmeisterschaft), beginnt ja stets das große Wühlen in den Archiven, und was man dann herausfischt, läßt verstehen, warum man es einst in die Keller versenkte. Da könnte ein Kino-Film ein Rettungsanker sein – gesetzt, man hat den richtigen parat. Die Festspielleitungen – auch die der Berlinale zum Beispiel – lassen sich in dieser Hinsicht von unabhängigen Filmkritikern beraten. Die Fernsehprogrammdirektoren sollten auch einmal beratschlagen, ob sie sich nicht ein Gremium schaffen sollten, das ihnen in der Ankaufspolitik hilfreich zur Hand geht. lupus