Begeisterte Theaterbesucher und tolerante Zuhörer Vertrauen zu den Architekten Europas

Etwa 20 Kilometer südlich von Frankfurt wird zur Zeit ein 34 Hektar großes Waldgrundstück für den Bau einer Siedlung vorbereitet, die in naher Zukunft nicht über mangelnde Beachtung zu klagen haben wird. Der Bürgermeister des hessischen Dorfes Walldorf, in dessen Nachbarschaft diese Siedlung entsteht, scherzte: „Walldorf wird dann wohl zum Wallfahrtsdorf.“ Hier, zwischen der Bundesstraße 44 und der Bahnstrecke Frankfurt (Main)–Darmstadt, baut die „Betreuungs- und Wohnungsbaugesellschaft m.b.H.“, kurz BEWOBAU genannt, vierhundert meist ebenerdige Einfamilienhäuser in fünf Typen, die sie „von der Stange“ schnell zu verkaufen hofft. Der Architekt ist Professor Richard Neutra, der in dieser Woche zu neuerlichen Verhandlungen in der Bundesrepublik eingetroffen ist. Neutra, einem großen Publikum vor allem durch seine kalifornischen Wohnhäuser bekannt, wird diesen „Stil“ nun zum erstenmal auch hierzulande anwen-– den, immer getreu seiner Maxime, „biologisch-realistisch“ zu bauen: Mensch, Architektur und Natur sind danach als eine komplexe Einheit anzusehen. Ein Haus, sagt Neutra, muß im Innern veränderlich sein, es muß sich den mit dem Alter verändernden Wünschen und Wohnbedürfnissen fortwährend anpassen lassen können – etwas, was der Architekt auch von der Stadt verlangt, über die er am Schluß seines Beitrags auf dieser Seite schreibt. Neutra hat die Einladung der BEWOBAU gern angenommen, in Deutschland zu bauen, das er in letzter Zeit des öfteren sehr bewußt wiedergesehen hat. Hier erzählt er, was ihm auf seinen letzten Reisen an den Deutschen aufgefallen ist:

Es ist ein schwieriges Unternehmen, in wenigen Zeilen ein ganzes Volk zu beurteilen, ohne lächerlich oberflächlich zu sein – und nun gar „die“ Deutschen, die schon immer nach Landschaften und ethnischen Stammesgruppen geschieden, mehr regional gegliedert waren als einförmig zentralisiert! „Das“ französische Theater beispielsweise ist in Paris; das deutsche Theater gibt es alle vierzig Kilometer. Aber hier ist zum Beispiel wirklich ein Platz, die Deutschen zu beobachten.

Man geht einfach ins Theater – sofern man einen Platz bekommen kann, was so charakteristisch schwierig ist – und blickt forschend umher, wenn applaudiert wird. Dann denkt man unter diesem Eindruck über Repertoire und Theaterzettel nach: Warum gerade dieses Stück, warum gerade hier bei diesem Satz so großer Beifall, sagen wir, wenn Schillers Nachdichtung „Der Parasit“ gespielt wird und nach dem endlichen komischen Untergang des politischen Schwindlers, der nach oben schmeichelt und nach unten trampelt, der Vorhang fällt? Alles freut sich sehr – aber da: Der Vorhang fliegt noch einmal hoch, und der Sprecher erklärt: „Sie verstehen: das mit dem bestraften Kujon – war Theaterspiel. In Wirklichkeit, meine Herrschaften, passiert so was nicht!“ Rasender Beifall. Warum ist „Camino Real“ von Tennessee Williams so ausverkauft in Deutschland (wie sein „Süßer Vogel Jugend“ in Buenos Aires)? Was geht die Münchner die „Meuterei auf der Caine“ an? Man lernt die Deutschen kennen, wenn man sie begeistert klatschen sieht, besonders wenn die scharfen, unheimlich protzigen Wucherer an der menschlichen Gesellschaft, die nach Öl im Untergrund des gutmütigen Paris suchen, unter der Kellerfalltür für immer verschwinden und die „Irre von Chaillot“ glücklich ins Publikum lächelt.

Berliner Erfahrungen

Das war in Westberlin. In Ostberlin muß man übrigens auch „Verbindungen“ haben, um eine Karte zu erhaschen. Die Westberliner sind sehr viel besser gekleidet als ihre Mitbürger am Ostberliner Schiffbauerdamm, aber ihr Geschmack ist gar nicht so verschieden, wenn’s vor der Bühne zur Ergriffenheit kommt. Sie alle sind auf jeden Fall ein tüchtigeres Publikum und wollen Besseres sehen als die Leute, die allnächtlich um elf Uhr fünfzehn auf den Broadway hinausströmen und bei Nedick’s Würstchen essen, weil ohnehin kein Taxi zu bekommen ist unter all den Neonlichtern der Weltenmitte.

Eine andere Art, die Deutschen kennenzulernen, ist für mich als importierten Sprecher, vor ihnen (in miserablem Deutsch) Reden halten zu dürfen und zu merken, daß sie das Unformelle als etwas fast Exotisches genießen. In der längsten und der kürzesten Zeitungsnotiz nachher wurde ich fürs Unformelle gelobt, fürs Improvisierte nicht ausgepfiffen. Ich nehme daher an, daß die Deutschen noch immer viel Formales über sich ergehen lassen müssen, sei es, wenn dem „Fachmann“ das Wort gegeben wird, und sei es auch nur – in und zwischen ihren neuen, oft trocken gerasterten Bürohäusern oder den disziplinierten Wohnvierteln.