Von Paul Sethe

Nebel liegt wieder, so stellt man in Washington verdrossen fest, über dem Versprechen der Bundesregierung, sich an der Entwicklungshilfe tatkräftig zu beteiligen. Die Bande des herzlichen Einvernehmens, die Außenminister von Brentano bei seinem Besuch geknüpft hatte, scheinen zu zerflattern.

Auch der deutsche Staatsbürger ist verwirrt. In den letzten Tagen ist viel mitgeteilt und auch viel bestritten worden. Das Bild dieses Wirrwarrs hat ebensoviel Spott wie Schadenfreude oder grimmigen Ärger hervorgerufen. Die verborgenen Pläne der Bundesregierung mögen sachlich berechtigt sein oder auch nicht, das wird zu klären sein; in ihrem Verhältnis zur Öffentlichkeit aber hat sie vierzehn Tage lang erstaunliche Ratlosigkeit gezeigt.

Es wird nicht viele Staatsbürger geben, die noch in der Lage wären, den leitenden Faden der Ereignisse in dem Hin und Her der Erklärungen aufzufinden. So sei hier in wenigen Sätzen zusammengefaßt, was geschehen ist: Die Bundesregierung bot den Vereinigten Staaten an, sich in diesem Jahr an der Entwicklungshilfe kräftig zu beteiligen. Von Verpflichtungen für kommende Jahre wurde nicht gesprochen. Mit einigen kühlen Worten fegte Kennedy das Angebot vom Tisch. Darauf entsandte der Kanzler seinen Außenminister nach Washington. Brentano versprach ständige Zahlungen, also auch für die kommenden Jahre. In Washington war man entzückt, in Bonn hieß es, die „Mißverständnisse“ seien beseitigt.

In Wirklichkeit hatte es gar keine Mißverständnisse, sondern zwei gegeneinander streitende Auffassungen gegeben. Die Bundesregierung hatte, höchst vernünftigerweise, den Rückzug angetreten – aber eine so unfreundliche Bezeichnung wollte man dem Versprechen Brentanos nicht geben, wofür wir nachsichtiges Verständnis haben müssen. Solange es eine Diplomatie gibt, also einige tausend Jahre, halten es die Mitglieder dieser Zunft für ein heiliges Gesetz, schwarz nicht schwarz, weiß nicht weiß und ein Nachgeben nicht Nachgeben zu nennen.

Jedenfalls schien nach der Unterredung Brentanos mit dem Präsidenten wieder die Sonne über den Gefilden deutsch-amerikanischer Beziehungen. Da ließen Brentanos Berater und schließlich auch er selber sich unseligerweise dazu bringen, Zahlen zu nennen. Dies nicht zu tun, war ihm vom Kabinett ausdrücklich auf die Seele gebunden worden; schon deshalb, weil Herr von Brentano, dem es sicherlich an vielerlei Kenntnissen nicht mangelt, doch bisher nicht gerade als Finanzsachverständiger geglänzt hat. Er versichert denn auch immer wieder, er habe Kennedy gegenüber keine Zahlen genannt. Aber, von den hartnäckig fragenden amerikanischen Presseleuten bedrängt, nannte Brentanos Pressereferent die Summe von einer Milliarde Dollar. Kurz darauf sah sich der Minister von Presseleuten ähnlich in die Enge getrieben. Er versuchte auszuweichen, aber schließlich sah er keinen anderen Ausweg mehr als den, den sein Referent eben gewählt hatte: Vier Milliarden Mark, so meinte er, zahlten wir in diesem Jahr, und im nächsten würden es wohl ungefähr ebensoviel sein.

Der berühmte Zornesausbruch der zuständigen Kollegen Ludwig Erhard und Franz Etzel vor der Fraktion war die Antwort. Wenn man vor zweihundertfünfzig Leuten spricht, so ist das so gut, als spreche man vor der Öffentlichkeit. So erschien jetzt vor der ratlosen Welt das Bild, das seit acht Tagen in der Weltpresse immer wieder gezeigt wird: die beiden Ritter, die in eherner Rüstung und unverzagt den Kassenschrank der Bundesregierung verteidigen, während Herr von Brentano, unter den anfeuernden Rufen seines Kanzlers, mit eingelegter Lanze eben diesen Schrank zu stürmen versucht.