Eine währungstechnische Maßnahme – politisch etwas aufgeheizt

Im Oktober 1960 hatten der Bundeskanzler und das Kabinett die Entscheidung getroffen: Keine Aufwertung der D-Mark. Obgleich Minister Erhard diesen Schritt schon seit Jahren als eine „zwingende Notwendigkeit“ erkannt hatte. Wieso also wurde diese Maßnahme nun plötzlich am 4. März 1961 doch ergriffen? Die Wirtschaft, voran Fritz Berg und Hermann Abs, die des Kanzlers Ohr hatten, haben die Aufwertung von eh und je bekämpft. Der Notenbank-Präsident Blessing glaubte mit Hilfe von Diskontpolitik und Mindestreserven-Manipulation mit Devisen-Zustrom und Überkonjunktur fertig werden zu können. Am 24. Februar aber kam Blessing zu Erhard und mußte zugeben, daß seine Maßnahmen sich jenen Problemen gegenüber als unwirksam erwiesen, „weil die Wechselkurse falsch sind“. Da faßte Erhard, verstärkt durch Franz Etzel, zu, und Blessing akzeptierte.

Nicht nur sportliche Ereignisse können zum Gespräch des Wochenendes werden, nein, auch ein Thema der Wirtschaft vermag sich einmal in den Vordergrund zu spielen. Die Aufwertung der D-Mark, auf Sonnabend, den 4. März, durch Regierungsbeschluß dekretiert und durch die Bundesbank akzeptiert, hat die Gemüter in Erregung versetzt. Die sonntägliche Pressekonferenz der Minister Erhard und Etzel, assistiert durch den Präsidenten der Bundesbank Blessing, vermochte auch nicht besänftigend zu wirken. Sie scheinen im Gegenteil das Stimmengewirr pro und contra noch geschürt, die Unruhe und Unsicherheit in breiten Bevölkerungskreisen noch gefördert zu haben.

Der Bürger, dem die „Privatwirtschaft“, also das eigene Haushaltsbudget, näher liegt als die Auseinandersetzung mit wirtschaftstheoretischen Problemen, fragt sich zuerst einmal, was denn nun durch die Aufwertung anders geworden ist. Kommentare in allen Zeitungen und im Rundfunk haben die Meinung der Regierung zum Ausdruck gebracht und auch die Auffassungen wichtiger Institutionen, Verbände, Unternehmen, Gewerkschaften. Was aber bedeutet es für ihn selber, daß die D-Mark nun wertvoller geworden ist?

übertriebene Lamentos

Der Außenwert der Mark, gemessen an der Anzahl Dollars, Franken, Lire oder anderer Währungen, die man dafür bekommen kann, ist erhöht worden. Für eine Mark kann man also jetzt mehr im Ausland kaufen; die Ausländer dagegen müssen für ihre Käufe oder Investitionen in der Bundesrepublik mehr aufwenden. Besondere Folgen auf dem Binnenmarkt, in Deutschland also, werden jedoch nicht spürbar sein. Bedenkt man zudem, daß es sich bei dieser Aufwertung – etwas bescheidener ausgedrückt – um eine „Wechselkursanpassung“ nach oben um nur 5,0 Prozent handelt, so erscheinen die Lamentos, die von vielen Seiten auf uns eindringen, doch recht übertrieben. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, die wirtschaftliche Zukunft des Landes in düsteren Farben zu malen. Die Konjunktur wird ungebrochen anhalten, und auch für die Arbeitsplätze ist nichts zu fürchten.

Woher denn diese Angstpsychose, die auf die Öffentlichkeit überzugreifen droht? Schuld daran ist nicht zuletzt die Interpretation, die die Regierung zur Währungsmanipulation gab. Man hat es de facto mit einer „technischen Anpassung“ des Wechselkurses der D-Mark an ein Niveau zu tun, das den tatsächlichen Außenhandelsbeziehungen besser entspricht, mit einer Maßnahme also, die in erster Linie zur Entschärfung der Zahlungsbilanzüberschüsse Deutschlands dienen soll und die vor allem die vagabundierenden ausländischen Gelder und die fragwürdigen spekulativen „Anlagen“ vertreiben wird.