In der vorigen Woche hatte ich angekündigt, meine verehrten Leser, daß wir uns heute über die Frage unterhalten wollten, ob junge Aktien preiswerter als alte Stücke sind. Ich glaube, daß dieses Thema jetzt besser zurückstehen sollte. Durch die DM-Aufwertung hat sich das Börsenbild über Nacht verändert. Deshalb halte ich es für nützlicher, wenn wir ihre Folgen auf die Börse untersuchen, und wenn wir heute erörtern, inwieweit die Anlagedispositionen geändert werden müssen. Erwarten Sie von mir kein allgemeingültiges Rezept. Die Dinge sind noch zu sehr im Fluß, um Ratschläge und Anlagehinweise geben zu können. Mir kommt es im Augenblick nur darauf an, Ihnen gewisse Tendenzen zu zeigen, die bedeutsam werden könnten.

Die DM-Aufwertung hat uns wieder einmal vor Augen geführt, wie notwendig es ist, daß der Sparer sich in Anlagefragen eine unabhängige Meinung bewahrt. Offizielle Ratschläge sind in der Regel zweckbetont. Wenn Bundesbank und Bundesregierung in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen haben, im Ausland zu investieren oder ausländische Aktien zu kaufen, so war es von ihren Standpunkten durchaus richtig. Der Sparer mußte jedoch an das Währungsrisiko denken, das – wie sich jetzt gezeigt hat – durch keine noch so betonte Regierungserklärung („An der Parität der D-Mark wird nicht gerüttelt!“) beseitigt werden kann. Sie wissen, meine verehrten Leser, daß auch ich in der Vergangenheit empfohlen habe, Auslands-Wertpapiere zu erwerben. Bestimmt nicht, um damit die offizielle Politik zu unterstützen, sondern aus der Überlegung heraus, daß man das regionale Risiko streuen muß. Die daraus resultierende Risikoverminderung ist es wert, auch einmal Währungsverluste hinzunehmen. Wer seine Anlage weit streut, tut dies im Interesse der Sicherheit. Dafür muß er einen Preis zahlen.

Geteilte Freude

Wer in den letzten Jahren den Rentenanteil seines Portefeuilles groß gehalten hat, sah, wie an den Aktien viel Geld verdient wurde. Andererseits erlebte der Rentenbesitzer in den vergangenen Monaten viel Freude. Die Aktienkurse fielen, die Renten stiegen. Sie haben kursmäßig auch durch die Aufwertung nicht gelitten. Vieles spricht sogar dafür, daß die Rentenkurse weiter steigen werden. Denn die Notenbank muß konsequenterweise auf den Zins drücken. Eine Verteilung der Ersparnisse auf Renten und Aktien hat also auch ihre positiven Seiten.

Die Rentenmarktstimmung ist – wie schon gesagt – freundlich. Aber was geschieht in nächster Zeit mit den Aktien? Ich habe Ihnen früher schon einmal gesagt, daß man gut daran tun würde, bei seinen Anlageerwägungen die Aktien solcher Gesellschaften zu berücksichtigen, die sich auch in einem „härteren Wirtschaftsklima“ durchsetzen können! Gemeint war folgendes: Solche Unternehmen bevorzugen, die höheren Kosten auch auf die Preise abwälzen können. Dabei hatte ich in erster Linie an die Folgen kommender Lohnerhöhungen gedacht. Ein gut im Markt liegendes Unternehmen wird erfolgreich die höheren Gestehungskosten auf die Preise umlegen. Wo das aus Wettbewerbsgründen nicht möglich ist, gehen die höheren Kosten zu Lasten der Gewinnspanne, also auch der Dividende. Das hat Rückwirkungen auf den Kurs. Daneben sind noch solche Betriebe zu erwähnen, die heute nur noch mit geringem Nutzen arbeiten und künftig ins Defizit gehen könnten. Ihre Aktien sind nichts für den Aktiensparer.

Die DM-Aufwertung hat das „härtere Wirtschaftsklima“ schneller herbeigeführt, als man vermutete. Die Rentabilität der exportorientierten Unternehmen wird nunmehr von zwei Seiten in die Zange genommen. Einmal durch die aufgewertete D-Mark, und zum anderen durch die zu erwartenden Kostensteigerungen, die sich durch den Vorteil des billigeren Rohstoffeinkaufs kaum ausgleichen lassen werden.