Er spricht langsam und bedächtig; man kann förmlich sehen, wie die Gedanken in ihm arbeiten, ehe er sie formuliert. Wenn er Deutsch spricht, gehen ihm die Worte etwas schwerer von den Lippen als im Englischen: Es ist 22 Jahre her, seit der gebürtige Fürther seine bayerische Heimat verlassen mußte. Damals war Henry A. Kissinger fünfzehn Jahre alt. Vorige Woche ist der mittlerweile Siebenunddreißigjährige, den die Amerikaner gern den „Clausewitz des Atomzeitalters“ nennen, zum Sonderberater Kennedys für nationale Sicherheit ernannt worden.

Eigentlich hatte ihm der neue US-Außenminister einen „full-time job“ im State Department zugedacht, aber Kissinger lehnte ab. Er will sich nicht von der Bürokratie vereinnahmen lassen, dazu ist seine Loyalität gegenüber Harvard, der Alma Mater des Präsidenten, zu stark. Dort hat er, der es im Krieg bis zum Stabsfeldwebel brachte (heute ist er Reservehauptmann der Abwehr), nach 1945 viele akademische Ehren gesammelt; dort ist er jetzt Professor für politische Wissenschaften, stellvertretender Direktor des Zentrums für internationale Angelegenheiten und Direktor des Internationalen Seminars, das jeden Sommer junge Menschen aus aller Welt zusammenführt; dort besitzt er in einem Vorort, inmitten gepflegter Rasenflächen, alter Ulmen und Ahornbäume ein Haus, in dem seine Frau, seine zweijährige Tochter und sein Hund leben – und dort will er verankert bleiben. Schon bisher war er ja Berater des Pentagons und anderer Regierungsstellen, Berater auch vor allem von Gouverneur Rockefeller. Jetzt wird er mit einiger Regelmäßigkeit das Weiße Haus aufsuchen und an den „bull sessions“ teilnehmen, den zwanglosen Gesprächen des Präsidenten und seiner Mitarbeiter; außerdem wird er in Harvard Sonderuntersuchungen für die Regierung anstellen.

Kissinger ist vor drei Jahren durch sein Buch „Kernwaffen und Außenpolitik“ auf einen Schlag berühmt geworden: Er war der erste, der die Strategie der massiven Vergeltung in all ihrer Hohlheit erkannte und anprangerte. Mit dem Ruhm kamen freilich auch die Anfeindungen. Vielen Militär, ward er unbequem, weil er sie zum Umdenken zwang, vielen Zivilisten ward er verdächtig, weil sie annahmen, er „empfehle“ geradezu den begrenzten Krieg mit Kernwaffen, der ihm damals, vodrei Jahren, als möglicher Ausweg aus der Sack gasse der Vergeltungsstrategie erschienen war. In Wahrheit wollte er ihn natürlich nicht, er hielt ihn nur für besser als den totalen Atomkonflikt Einmal stöhnte er abwehrend: „Viele glauben, ich wartete sehnsüchtig, bis irgendwo ein kleine: Krieg ausbricht – nur damit meine Theorie bewiesen werde.“

Nein, Kissinger ist alle: andere als blutrünstig Nur: Er, der mit einem messerscharfen Intellekt begabt ist, kann das Denken nicht lassen. Auch dann nicht, wenn es ihn zu Ergebnissen führt, die seinen früheren Thesen widersprechen. Neben intellektueller Brillanz und Dynamik zeichnet ihn nämlich auch ein hoher Grad von intellektueller Ehrlichkeit aus; er scheut sich nicht, seine alten Gedankengänge öffentlich zu widerrufen, wenn dies nötig ist.

In seinem neuen Buch „The Necessity of Choice“, hält er zwar an seiner alten These fest, daß ein Widerspruch darin liegt, einen Krieg zur Erhaltung der geschichtlichen Traditionen seines Volkes zu führen und sich dabei einer Strategie wie jener der massiven Vergeltung zu bedienen, die fast mit Sicherheit die nationale Substanz vernichtet. Aber er gibt nun zu, daß dieselbe Erwägung auch auf die Gebiete zutrifft, die er vor Jahren mit dem begrenzten Kernwaffenkrieg verteidigen wollte. Heute sieht er ein: das von ihm entwickelte Gedankenmodell eines solchen Krieges war utopisch. Jetzt sagt er: „Wenn nukleare Waffen ein integrierender Bestandteil jeder Ausrüstung werden, so wird es so gut wie unmöglich sein, einen Krieg konventionell zu halten ... Ein begrenzter nuklearer Krieg, der in solcher Weise geführt wird, mag sehr wohl völlig ununterscheidbar von einem totalen Kriege werden.“ Kissingers Nutzanwendung dieser neuen Einsicht, vor allem auf Europa: Mehr konventionelle Verbände!

Mit dieser Forderung steht er, wie die jüngste Entwicklung zeigt, in Washington nicht allein. Dabei ist er einer der wenigen Amerikaner, die vor europäischen Gesprächspartnern offen aussprechen, was viele andere lieber für sich behalten: Ein neuer amerikanischer Isolationismus ist nicht undenkbar. Die Waffentechnik fördert die Tendenz zur „Festung Amerika“, und in einem „Anfall von Verzweiflung“ über Europas wirre Unentschlossenheit mögen die USA dem dunklen Drange nachgeben. Kissinger befürwortet diese Tendenz nicht, doch er sieht die Gefahr.

Im übrigen würde keiner das Etikett „atomarer Clausewitz“ entschiedener ablehnen als Kissinger selbst. Er will sich nicht auf die militärische Strategie festnageln lassen – ebensosehr liegt ihm die politische Strategie am Herzen. Die Rolle der Neutralen in der zweigeteilten Welt, das Funktionieren des Entscheidungsapparates in Washington, die Organisation des Friedens in einer friedlosen Welt – diese Fragen der politischen Strategie und Taktik bewegen ihn nicht minder als die militärischen Probleme. Sein erstes Buch schrieb er einst über Metternich, Castlereagh and the Problems of Peace, 1812–1822 ...

Apropos Metternich: nach europäischen Begriffen ist Henry A. Kissinger ein Konservativer. Kein Reaktionär, beileibe nicht. Aber einer, dem das erprobte Althergebrachte so teuer ist, daß er es nicht um unsicheren Fortschritts willen aufgeben mag. Im Kreise von Kennedys Beratern wird er ziemlich am rechten Flügel stehen. Th. S.