Er, Ludwig II., brachte sein Land an den Rand des Bankrotts. Seine Schlösser, ausschließlich für ihn allein gebaut, zeugen nicht gerade von einen kultivierten Geschmack. Sein Volk sah ihn kaum, die Staatsgeschäfte kümmerten ihn wenig, Richard Wagner betete er an (und dieser ihn). Bismarck finanzierte ihn mit einigen Millionen aus dem Weifenfond, die er ohne Scheu entgegennahm; von patriotischen Bayern wird noch heute hitzig bestritten, daß diese Zuwendungen in direktem Zusammenhang mit der Tatsache standen, daß der König von Bayern durch ein von Bismarck entworfenes Schreiben an die deutschen Fürsten den Anstoß zur Übertragung der Kaiserwürde an Wilhelm I. gab.

Damals grollte ihm sein Volk, aber seine Absetzung und sein Tod verklärten ihn. Wer heutzutage die Leserbriefspalten der Münchner Zeitungen liest, findet rührend-naive Episteln, in denen die Verdienste sämtlicher bayerischer Könige summiert, potenziert und Ludwig II. zugeschrieben werden. Die ihm gewidmeten schriftlichen Apotheosen sind schier beispiellos. Aber auch Gedenkgottesdienste, Trauerfeiern und Ludwig II.-Ausstellungen finden ein nach Tausenden und Zehntausenden zählendes, begeistert-ergriffenes Publikum, darunter immer wieder prominente sozialdemokratische Funktionäre.

Daß die Münchner Zeitungen mit Briefen und Artikeln über den "Märchenkönig" stets aufs neue an ihn erinnern, liegt daran, daß die Landeshauptstadt kein Denkmal Ludwigs II. aufweisen kann. Das einzige Monument wurde während des Krieges zum Zwecke der Einschmelzung abmontiert. Wunderlicherweise blieb der Kopf erhalten; er gelangte vor einiger Zeit nach München, und seither erhallt der Schrei nach einem neuen Denkmal.

Gipsmodell zu Probezwecken

So einig sich aber das bayerische Volk in seiner Verehrung für diesen König ist, so uneinig sind sich die Münchner über sein Andenken in Stein oder Bronze. Der "König-Ludwig-Jugendclub" – Vorsitzender Hans Heindl: ‚,Manche unserer Mädel verehren Ludwig II., weil er ein so überaus schöner Mensch war" – wünscht das Denkmal wieder am alten Platz, auf der Corneliusbrücke. Es gibt aber erbitterte Gegner dieses Standorts, und zwar mit folgenden Argumenten: Das Wasser unter der Brücke erinnere an seinen Tod, ein in der Nähe befindliches Gefängnis an die ihm kurz zuvor widerfahrene Schmach.

Der "Verein zur Wiedererrichtung eines Denkmals für König Ludwig II. von Bayern e. V. München" rief zu einer Spendenaktion auf. Der Münchner Bildhauer Fritz Behn erstellte ein 3,60 Meter hohes Gipsmodell, der Verein plazierte es probeweise an der Prinzregentenbrücke. Dagegen protestierte nicht nur sofort – und zwar mit Recht aus architektonisch-ästhetischen Gründen – die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, sondern auch die "Vereinigung dem Gedenken König Ludwigs II. von Bayern". Der gefiel zunächst einmal das Modell nicht und dann schon gar nicht der Standort; der Prinzregent, dem die Brücke gewidmet ist, gilt nämlich als Gegner Ludwigs II.

Die "Vereinigung Ludwig II. – Deine Treuen" wiederum zeigte sich glücklicherweise mit der Aktion des "Verein zur Wiedererrichtung eines Denkmals für König Ludwig II. von Bayern e.V. München" einverstanden, nicht aber der "Jugendclub", der sein "Befremden über die wesensfremde Darstellung" des Gipsmodells laut kundtat und seinen eigenen Plan außerdem billiger durchzuführen versprach. In die erregten Debatten der vier Vereine hinein platzten Briefe an die Zeitungen, in denen Münchner und Nichtmünchner Schüchtern versuchten, Wahrheit und Legende über Ludwig I. voneinander zu trennen. Ein Hagel von beleidigenden Repliken erstickte derartige "Anmaßungen" im Keime.