RH-Berlin

Unsere Großväter und Väter – nein, sagen wir lieber: ihre weniger braven Zeitgenossen – blickten von den Anklagebänken der Gerichte zu den Richtern und Staatsanwälten empor. Den besten Platz an der würdigen Theke, den an der Längsseite, hatten immer schon die Richter. Aber der Staatsanwalt durfte mit ihnen an demselben Tisch sitzen, an der Schmalseite, gegenüber dem Protokollführer.

Vor fünf Jahren nun fanden die Verteidiger heraus, daß sie, die unerhöht sitzen müssen, während ihr Gegenspieler da oben residiert, symbolisch benachteiligt wären. Und sie erreichten, daß nun der Staatsanwalt in den meisten Bundesländern dem Angeklagten ebenso nahe ist wie sie selbst. Viele Staatsanwälte sind sicher nicht ungern nach unten gezogen, da die neue Sitzordnung wieder ins allgemeine Bewußtsein rückt, was leicht vergessen wird: daß sie neben dem Belastenden auch das den Angeklagten Entlastende vorzutragen haben.

Anders reagierten jedoch einige Staatsanwälte in Moabit. Obwohl man ihnen unterhalb des Richtertisches eine solide holzgetäfelte Loge gebaut hatte, zogen sie es vor, am schmalen Ende des hohen Richtertisches sitzenzubleiben.

So ganz vergebens hatten die Tischler freilich trotzdem nicht gearbeitet: Manchmal setzten sich Journalisten in die prächtige Loge.

Was tat nun die Justizverwaltung? Setzte sie die Presse raus und den Staatsanwalt runter? Nein. Sie schickte noch einmal den Tischler. Der sägte den Staatsanwalt einfach ab – das Ende des Richtertisches jedenfalls, an dem der Staatsanwalt saß. Ein sehr schmaler Gang trennt seitdem den staatlichen Ankläger vom Gericht – aber auf der Höhe ist er geblieben.