Von Walter Boehlich

Fast auf den Tag zwölf Jahre nach Erscheinen des großen Werkes über „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ (1948) ist jetzt ein Band wissenschaftlicher Abhandlungen des Bonner Romanisten herausgekommen –

Ernst Robert Curtius: „Gesammelte Aufsätze zur Romanischen Philologie“; Francke Verlag, Bern; 504 S., 49,– DM.

Beide Bücher gehören aufs engste zusammen, sie ergänzen und korrigieren einander. Es hätte ihnen ein drittes an die Seite zu treten, das die zweiundzwanzig, zwischen 1938 und 1944 erschienenen, „Mittelalter-Studien“ enthielte, auch dieses vermehrt um einige Rezensionen. Erst dann hätte man alles beieinander, was Curtius in seiner zweiten Lebenshälfte, genauer: in den Jahren von 1932 bis 1952, über das Thema der Entwicklung und der Einheit der europäischen Literatur geschrieben hat. Daß die „Mittelalter-Studien“ bisher nicht in einem Sammelbande ediert worden sind – und wohl auch nicht ediert werden werden – hat freilich seinen guten Grund. Sie bilden in ihrer Gesamtheit die Basis des Mittelalterbuches, in das sie, zwar unter Verzicht auf große Materialmengen, mehr oder minder vollständig eingeschmolzen worden sind. Eine Ausnahme davon machen nur zwei Abhandlungen über Probleme mittelalterlicher Epik; sie sind daher, vereint mit früheren und späteren Arbeiten, in dem neuen Bande zu finden.

Europäische Literatur, oder Weltliteratur, wird an unseren Universitäten nicht gelehrt, und da es kein Fach dieses Namens gibt, gibt es auch keine Wissenschaft, die seinen Gegenstand erforschte. Was sich vergleichende Literaturwissenschaft nennt und selten genug in den Vorlesungsverzeichnissen erscheint, hat nur wenig mit ihm zu tun. Die Aufsplitterung der einen Literatur in eine Vielzahl von Nationalliteraturen kann beklagt werden, aber sie ist nicht mehr rückgängig zu machen; sie wird vielmehr fortgesetzt werden. Karl Bartsch lehrte im vorigen Jahrhundert in Heidelberg Germanische, Romanische und Englische Philologie – heute wäre das nicht mehr möglich. Die Germanistik ist aufgespalten in eine ältere und eine neuere Abteilung, die Anglistik in die eigentliche Anglistik und die Amerikanistik, und selbst die Romanistik wird bald zersplittert sein in Italianistik, Hispanistik, Gallistik und noch ein paar kleinere Fächer. Wer sein Gebiet überschauen will, muß sich spezialisieren. Nur wenigen wird es möglich sein, das Ganze im Auge zu behalten und trotzdem Detailforschung zu treiben. Auf sie ist die Wissenschaft angewiesen, mehr als auf alle anderen, denn ohne sie löst sie sich auf in Regionalforschung.

Einer dieser wenigen, und in unserer Zeit der Bedeutendste, ist Ernst Robert Curtius gewesen. Wer nach dem Kriege in Bonn Romanistik studiert hat, konnte eine Anschauung davon gewinnen, was abendländische Literatur ist; nirgends sonst wäre ihm das möglich gewesen. Aber damals hatte Curtius schon keine Schüler mehr. Die Studenten fürchteten und bewunderten ihn – ihm zu folgen, Wissenschaft von der Literatur zu treiben, wie er sie lehrte, war keiner fähig. Keiner hat fortgesetzt, was Er begonnen hatte, weil die Ansprüche, die weniger Curtius als vielmehr die Sache selbst stellte, zu außerordentlich waren. Das Beispiel war gleichzeitig anspornend und entmutigend, weil es absolut war.

Was Curtius seinen Hörern und Lesern -vermittelte, war ein Endstadium sowohl wissenschaftlicher wie persönlicher Entwicklung, und damit gerade Jüngeren notwendig unzugänglich. Auch er selbst hat einen langen Weg gehen müssen, ehe er an sein Ziel kam, und es hieße die Wahrheit verfälschen, wenn man behauptete, daß es ihm vom Beginn an vorgeschwebt hätte. Gewiß läßt sich erkennen, daß das Ende schon in den Anfängen angelegt war, als Möglichkeit, nicht als Gewißheit; aber es bedurfte nicht nur einer ungeheuren Arbeitsenergie und einer unvergleichlichen Begabung, sondern mancher äußerer und innerer Umstände, damit Wirklichkeit daraus wurde.