Von Dieter Sauberzweig

Dieter Sauberzweig, Dr. phil., ist seit 1953 Referent, seit 1956 Geschäftsführer der Studienstiftung des deutschen Volkes. Er gehört dem Jahrgang 1925 an, ging also noch zur Schule, als die von ihm geschilderten Vorgänge einsetzten, war Soldat der deutschen Wehrmacht, als sie ihren Höhepunkt erreichten. Wie jeder Student der Nachkriegsjahre empfand auch er ein Unbehagen, wenn er von der Rolle, die die deutschen Universitäten von 19 33 bis 1945 gespielt haben, hörte. Wir andererseits sind beunruhigt, diese Unruhe bei den Studenten von heute nur noch so selten zu finden. Daher ist uns der Abdruck dieser leidenschaftlich objektiven Analyse, die Dr. Sauberzweig zum ersten Male erarbeitet hat, so wichtig. Es gehört sehr viel Selbstgefälligkeit dazu, die Gefährdung deutschen Geistes als endgültig überwunden zu betrachtet, auf die Ernst Robert Curtius (dessen Gesamtwerk wir auf S. 13 dieser Ausgabe würdigen) am Anfang der dreißiger Jahre beschwörend hingewiesen hat.

Fünfzehn Jahre nach Kriegsende beginnen die Bemühungen der Historiker, die Geschichte des dritten Reiches zu erforschen, Früchte zu tragen. Aber es bleibt noch viel zu tun; zahlreiche Zusammenhänge sind noch zu klären. Das gilt nicht zuletzt für den Bereich der Wissenschaft und der Hochschulen. Bisher gibt es keine größere zusammenfassende Darstellung über die deutschem Hochschulen im dritten Reich. Grundlinien des Geschehens zeichnen sich jedoch ab; man kam versuchen, sie darzustellen.

Im Jahre 1932 veröffentlichte der bekannte, damals in Bonn lehrende Philologe Ernst Robert Curtius ein Buch, das unter dem Titel „Deutscher Geist in Gefahr“ ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Humanismus und eine Absage an alle blind nationalistischen Strömungen enthielt. Es war – kurz vor der Machtergreifung durch Hitler – ein Mahnruf an alle diejenigen, denen in Deutschland noch an geistigen Werten gelegen sein mußte. Curtius prophezeite, daß die Nationalisten den Verrat des Geistigen bis zum logischen Ende der Selbstvernichtung führen würden.

Er sollte recht behalten. Schon bald nach der Machtübernahme im Jahre 1933 verkündete der bayerische Kultusminister Hans Schemm vor Münchener Professoren: „Von jetzt ab kommt es für Sie nicht darauf an, festzustellen, ob etwas wahr ist, sondern ob es im Sinne der nationalsozialistischen Revolution ist.“ Deutlicher konnte wohl kaum gesagt werden, daß der Nationalsozialismus zur Wissenschaft, welche sich die Freiheit von Forschung und Lehre und die Verpflichtung gegenüber der Wahrheit zum Ziel gesetzt hatte, in einem unüberbrückbaren Gegensatz stand.

Als die Studenten nach den Semesterferien Anfang Mai 1933 wieder an ihre Hochschulen zurückkehrten, hatten die Funktionäre des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) bereits alle entscheidenden Stellen in der studentischen Selbstverwaltung besetzt. Die Organisation für die Entgegennahme und die Ausführung von Befehlen war geschaffen. Diese Befehle ließen nicht lange auf sich warten.

Schon am 12. April 1933 veröffentlichte die „Deutsche Studentenschaft“ in ihrer „Akademischen Korrespondenz“ einen Aufruf „Wider den undeutschen Geist“. In zwölf Thesen wurden der undeutsche, sprich: der jüdische und liberalistische, Geist angeprangert und die Studenten zum Kampf gegen alles „Artfremde“ aufgerufen.