Außenpolitik in einer Welt ohne Spielraum – Die Problematik der Gipfelkonferenzen

Von Henry A. Kissinger

Vor drei Jahren hat Henry A. Kissinger mit seinem Buch „Kernwaffen und Außenpolitik“ mit einem Schlage Berühmtheit erlangt. Vorige Woche ernannte Präsident Kennedy den jungen Harvard-Professor zum Sonderberater für Sicherheitsfragen. Kissinger ist freilich nicht nur ein brillanter Militärtheoretiker, sondern auch ein scharfer politischer Denker. Ende dieses Monats wird die deutsche Ausgabe seines neuen Buches „The Necessity of Choice“ unter dem Titel „Die Entscheidung drängt“ im Düsseldorfer Econ-Verlag erscheinen. Auf einige Gedankengänge dieses Buches stützt Kissinger die Thesen seines folgenden Aufsatzes.

Wenn die Vereinigten Staaten erfolgreich mit der Sowjetunion verhandeln wollen, dann müssen sie erst erkennen, wie sprunghaft und unreif ihre Diplomatie in der Vergangenheit war. Und sie müssen versuchen, die Vorbedingungen für eine wirksame Diplomatie zu erkennen – besonders die Vorbedingungen für jene persönliche Diplomatie, die in den letzten Jahren Mode war. Bislang haben sie weder das eine noch das andere getan.

Nehmen wir zum Beispiel das Pariser Gipfeltreffen im vorigen Frühjahr. Als es scheiterte, gab es im Westen einen plötzlichen Gesinnungswandel. Was jahrelang als Zaubermittel zur Lösung aller Spannungen befürwortet worden war, wurde nun als eine Parodie der Diplomatie hingestellt. All die Argumente zugunsten der Gipfeldiplomatie, die während der Konferenzplanung so einleuchtend erschienen waren, wurden durch genau die gegenteiligen Argumente ersetzt. Die persönliche Diplomatie, die bis dahin als Mittel zur Beendigung des Kalten Krieges aufgefaßt worden war, wurde jetzt für dessen Verewigung verantwortlich gemacht. Als Chruschtschows Stimmung umschlug, schien der Westen in Gefahr zu sein, sich von seinem Stirnrunzeln ebenso hypnotisieren zu lassen, wie er sich zuvor von seinem Lächeln hatte bestricken lassen.

Jetzt, da die Sowjets wieder zur diplomatischen Offensive antreten, werden wir wohl abermals unter Druck gesetzt werden, an einer Gipfelkonferenz teilzunehmen – in seinen Reden hat Chruschtschow dies in der Tat schon angekündigt. Wenn dies geschieht, ist es wichtig, daß wir aus dem Pariser Fiasko – um von Genf und Camp David gar nicht zu reden – die richtigen Lehren ziehen.

Nicht die Tatsache war ja tadelnswert, daß wir verhandelten, sondern die Haltung, mit der wir uns darauf einließen – eine Haltung, die so viel Wert auf das bloße Faktum des Treffens der Staatschefs legte und so wenig Wert auf die Substanz der Verhandlung. Der Eifer, den Kalten Krieg zu beenden, kann ebenso demoralisierend wirken wie das starre Festhalten am Status quo, wenn er nicht auf konkrete Programme zielt oder wenn er die Illusion schafft, daß internationale Probleme auf einfache oder dramatische Weise gelöst werden könnten.