Der Waffenkontrollvorschlag des Kennedy-Beraters Wiesner – Möglichkeiten der Abrüstung (III)

Von Theo Sommer

Die Fruchtlosigkeit aller Abrüstungsverhandlungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, selbst auf dem begrenzten Feld der Atomversuchseinstellung, kann wirklich niemanden zu leichtfertigem Optimismus für die Zukunft ermutigen. Die Kompliziertheit der modernen Waffensysteme und die Größenordnung der Risiken schließt einfache Lösungen aus. Und jede Lösung fordert in hohem Grade Einsicht in die eigenen wie in die gegnerischen Sicherheitsbedürfnisse. Wer – wie bisher die Amerikaner – nur ein wenig Abrüstung möchte, wird überhaupt keine erhalten; ebenso leer wird indessen ausgehen, wer – wie bisher die Sowjets – alles sofort oder doch beinahe sofort will.

Keine Abrüstung ohne Sicherheit, keine Sicherheit ohne Abrüstung – nach dieser Devise sind die Pläne für ein System umfassender und letztlich zu totaler Abrüstung führender "Rüstungskontrolle" entworfen, zu denen zwanzig amerikanische Fachleute in dem Sonderheft "Arms Control" der Zeitschrift Daedalus im Herbst 1960 ihre Gedanken beigesteuert haben. Dieses Heft ist ein einzigartiges Kompendium der Abrüstungsfrage im Zeitalter der Megatonnen-Bomben und Interkontinental-Raketen. Besonders interessant ist dabei ein Aufsatz von Jerome B. Wiesner über "Umfassende Rüstungsbeschränkungs-Systeme" – interessant nicht zuletzt deswegen, weil Kennedy sich den pfeifenrauchenden Professor der Elektronentechnik mittlerweile als Sonderberater für Abrüstungsfragen verpflichtet hat.

Die Angst vor Lug und Trug

Auch Wiesner geht von der Erkenntnis aus, daß es keinen leichten Weg zur Beendigung des Wettrüstens gibt. Alle bisher zu diesem Ende ausgearbeiteten Pläne erschienen stets einer Seite als unzulänglich, ja als gefährlich: Den Sowjets wurde für ihr Gefühl zuviel Inspektion zugemutet, dem Westen zuviel blindes Vertrauen auf die Vertragstreue des Kremls. So aber verbaute die Angst voreinander, die Angst vor den Hintergedanken und verborgenen Absichten des Verhandlungspartners, jeglichen Weg zur Übereinkunft.

"Wenn die Waffen einander die Waage halten, hat die List das Wort" – diese Sentenz stammt nicht von dem Professor aus Cambridge, sondern von Sun Tse, einem chinesischen Militärtheoretiker aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert (einem Manne übrigens, den Mao Tse-tung so eifrig studiert hat wie Lenin seinen Clausewitz). Die Furcht vor Überlistung aber bedeutet im sechsten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts zweierlei: einmal die Furcht vor einem tödlichen Überraschungsangriff, solange das Wettrüsten unkontrolliert fortschreitet; zum anderen die Furcht vor hinterhältigem Betrug und neuerlichem Ausgeliefertsein an den Gegner, falls dieser, wenn es zu einer Vereinbarung über die kontrollierte Beschränkung der Rüstungen käme, auf Betrug sinnen sollte. Wie also kann eine solche Vereinbarung trotz des bestehenden Mißtrauens getroffen werden?