Von Wolfgang Ebert

Nach Hause? Gefällt es Ihnen nicht mehr beiuns?" fragte ich meinen jungen amerikanischen Bekannten.

"Doch. Das ist es nicht. Aber mein Land braucht mich jetzt dringend."

"Wenn Sie die Weltraumflüge meinen, da kommen Sie leider zu spät."

"Auf der Erde gibt es auch noch genug zu tun", gab er mir mit einem leicht missionarischen Blick Bescheid, "haben Sie nichts von Präsident Kennedys Appell gehört?"

"Und ob!" sagte ich und verschluckte mich dabei etwas, "meine Frau und ich haben beim Frühstück ausgerechnet, daß er uns zusammen Jahr für Jahr um die hundertsechzig Mark kosten wird. Reden wir lieber von etwas Erfreulicherem."

"Das meinte ich auch gar nicht. Unser Präsident will, daß junge Amerikaner statt Wehrdienst zu leisten in die unterentwickelten Länder gehen und den Menschen dort mit Rat und Tat zur Seite stehen."

"Gar keine üble Idee von Ihrem Präsidenten. Und Sie wollen also auch keinen Wehrdienst leisten, ich meine, Sie wollen da also kräftig mitmischen?"

"Ja!" sagte mein Amerikaner mit einem unsympathischen Idealismus in der Stimme, "mich reizt vor allem das Abenteuerliche, das Gefährliche an diesem Unternehmen."

"Bravo! So was gibt es also doch noch", lobte ich ihn, "haben Sie schon gewisse Vorstellungen, was Sie da machen wollen?"

Er nickte.

"Also, wenn Sie mich fragen", erklärte ich ihm ungefragt, "ich an Ihrer Stelle würde als Arzt in den finsteren Kongo-Urwald gehen und dort als einziger Weißer weit und breit ein Spital einrichten. Wenn Sie dann noch verbreiten, daß Sie von belgischen Eltern abstammen, dürfte Ihr Bedarf an Abenteuern für Jahre hinaus gedeckt sein."

Aber mein Bekannter schüttelte den Kopf. "Das genügt mir noch nicht."

"Gut. Dann würde ich auf der malayischen Halbinsel einen Aufklärungsfeldzug gegen Rauschgift starten. Wenn Sie da nach drei Monaten noch am Leben sind, schreiben Sie mir bitte eine Postkarte."

Er schwieg. "Zum Kuckuck", rief ich erregt, "dann lassen Sie sich doch mit dem Fallschirm über Peking absetzen, um dort auf dem Rathausplatz Reden gegen die Kommunen zu halten. Vielleicht kommt Ihnen das wenigstens abenteuerlich und gefährlich genug vor."

"Sie mißverstehen mich", sagte mein Amerikaner, "meine Wünsche gehen in ganz andere Richtung. Ich will auf Vorposten für mein Land stehen. Ich will dort sein, wo man uns schmäht und bedroht, wo man unsere Häuser mit Ami go home beschmiert, wo Onkel-Sam-Puppen stellvertretend für mein Land verbrannt werden, wo man in Tausende von fanatischen, haßerfüllten Augen blicken kann, wo sämtliche Fensterscheiben in Scherben gehen, wo man Brandfackeln gegen uns wirft, und wo man als Amerikaner seines Lebens nicht mehr sicher ist."

"Uni Himmels willen", rief ich erschrocken, "wo gibt es denn so was?"

"Ach, eigentlich überall", meinte er mit einem gewissen resignierten Gleichmut, "aber vor allem in Südamerika, im Fernen Osten, im Nahen Osten."

"Jetzt verstehe ich. Sie meinen diese Demonstrationen vor amerikanischen Botschaften, von denen man ab und zu liest. Und in so einer Botschaft wollen Sie Dienst tun, stimmt’s?"

Er winkte verächtlich ab. "Botschaftsgebäude sind nichts für mich. Viel zu geschützt durch die dicken Mauern. Was kann einem da schon viel passieren? Nein, für mich kommt nur ein amerikanisches Informations-Zentrum in Frage. Oder eine amerikanische Bibliothek. Und dort wiederum, vielleicht klingt das etwas vermessen, möchte ich am liebsten den Zeitschriftenstand verwalten, wo Life und Time ausliegen. Den greifen sie nämlich immer zuerst an und verbrennen ihn."

"Vor soviel Heldenmut kann man nur den Hut ziehen", meinte ich ziemlich beeindruckt. "Haben Sie da schon ein bestimmtes Land im Auge? Wie ich Sie jetzt kenne, muß es besonders scharf antiamerikanisch eingestellt sein, stimmt’s?"

"Ganz recht. Aber das ist ganz einfach. Ich gehe in das Land, das von uns am meisten Entwicklungshilfe bekommen hat."