Die Stellungnahme, mit der die Fernsehindustrie den Karlsruher Spruch über das zweite Fernsehprogramm begrüßte, klang etwas gequält. Bei der Industrie hätte man es zweifellos lieber gesehen, wenn die „Deutschland-Fernsehen GmbH“ Adenauers – und mit ihr die Programm-Gesellschaft „Freies Fernsehen“ – freie Fahrt bekommen hätte und vom 1. April an ein zweites Programm über die fünf Millionen westdeutscher Bildschirme flimmern könnte. So aber ist die Unsicherheit geblieben, wann die Länder nun ein zweites Programm auf die Beine stellen können – vorläufige Termine: Radio Frankfurt am 1. Mai, Norddeutscher Rundfunk am 1. Juni –, und wie lange es dauern wird, bis die Halden von Fernsehgeräten abgebaut sein werden, die sich in den letzten Monaten angesammelt hatten.

Diese Halden entstanden, weil die Industrie auf die Karte der Bundesregierung gesetzt hatte. Geplant war für 1960 eine Produktion von rund zwei Millionen Geräten, nur wenig mehr als 1959. Als dann jedoch die Bundesregierung ihr Wort verpfändete, daß es am 1. Januar 1961 ein zweites Programm geben werde, und zudem noch die Industrie animierte, nun auch dafür zu sorgen, daß möglichst viele Einwohner der Bundesrepublik dieses zweite Programm empfangen können, wurde die Produktion noch ein wenig angekurbelt, so daß sie auf fast 2,3 Millionen stieg.

Etwa 500 000 dieser Geräte blieben auf Lager. Industrie und Handel sagen: weil das zweite Programm wegen des Fernsehstreites zwischen Bund und Ländern ausgeblieben ist. Vorsichtig drosselten zwar verschiedene Werke ihre Produktion. Die Personalabteilungen ließen die Belegschaften schrumpfen, indem sie die ausscheidenden Arbeitskräfte nicht mehr ersetzten. Aber dennoch wuchsen die Halden, die allerdings in den nächsten Wochen etwas abgebaut werden dürften, weil das Bundeskartellamt die Preisbindung für die Geräte mit 53-cm-Bildröhren aufgehoben hat. Aber das ist eine andere Geschichte, die nichts mit dem Fernsehstreit zu tun hat. Als vielmehr im Herbst letzten Jahres die Geräte mit 59-cm-Bildröhren auf dem Markt erschienen, zahlten die Käufer lieber den geringen Differenzbetrag mehr, so daß die 53er Geräte liegenblieben.

Die Hoffnungen, die Industrie und Händel, auf einen Aufschwung durch das zweite Programm setzten, sind nicht übertrieben hoch. „Natürlich glaube ich nicht, daß die Vorräte dahinschmelzen werden, wie die Butter an der Sonne, wenn das zweite Programm kommt“, sagt Pressechef Santo vom Verband der Fernsehindustrie. „Aber die Attraktivität des Fernsehens ist noch immer vorhanden. Und sie wird durch das zweite Programm gesteigert werden.“

Für die Industrie sieht die Rechnung so aus: Von den gegenwärtig fast fünf Millionen Fernsehgeräten in der Bundesrepublik sind rund eine Million bereits auf den Empfang eines zweiten Programms eingerichtet. Etwa 500 000 Geräte dürften fünf Jahre und älter sein. Die Mehrzahl dieser Gerätebesitzer, so hofft man, wird lieber ein neues Gerät kaufen, als die Umbaukosten zu zahlen und sich in absehbarer Zeit dann auch noch genötigt zu sehen, die verbrauchte alte Bildröhre ersetzen zu müssen. So bleiben drei bis dreieinhalb Millionen Geräte, die umgestellt werden müssen, entweder direkt – was mit Antennenänderung etwa 150 bis 200 DM kosten wird – oder über den Einbau eines Konverters in die Gemeinschaftsantenne.

Ob die Rechnung mit den Umbauten aufgeht, erscheint dem Handel allerdings fragwürdig. „Als vor Jahren im Rundfunk das UKW-Programm eingeführt wurde, haben wir den Kunden auch Einbausätze angeboten“, erzählt ein Hamburger Radiohändler. „Aber wir haben dann weniger eingebaut, als wir gerechnet hatten.“

Die Aussicht auf ein zweites Fernsehprogramm hat nirgends eine hektische Geschäftigkeit ausgelöst. Die Produktion wird im laufenden Jahr aller Voraussicht nach unter dem letztjährigen Ergebnis bleiben und die Zwei-Millionen-Grenze kaum erreichen. Sanio: „Gebranntes Kind scheut das Feuer!“ Bis zu spürbaren wirtschaftlichen Auswirkungen des zweitens Programms werden noch Monate ins Land gehen. Dies prophezeite der Disponent eines Versandhauses: „Viele Leute werden sagen: Sehen wir uns doch erst mal an, was an dem zweiten Programm dran ist, wenn wir aus dem Urlaub zurückkommen...“ H. M.