H. W., Kiel

Viele Einwohner der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel rieben sich etwas verwundert die Augen, als sie Ende Februar ihre Briefkästen öffneten und darin ein amtliches rotes Merkblatt fanden, durch welches sie aufgefordert wurden, am kommenden Wochenende ihre ungültig werdenden Bundespersonalausweise umzutauschen. Gegen den Umtausch hatten sie gar nicht viel einzuwenden: Was sein muß, muß sein. Und die Bürger waren auch bereit, Geld für die neuen Paßbilder zu bezahlen.

Aber die Schnelligkeit, mit der das alles nun geschehen sollte, machte sie mürrisch. Und das um so mehr, als auf dem roten Merkblatt ein Hinweis stand, in dem es hieß: „Wer es vorsätzlich unterläßt, für sich oder als Erziehungsberechtigter für Jugendliche bis zu 18 Jahren einen Ausweis ausstellen zu lassen, obwohl er dazu verpflichtet ist, wird mit einer Geldstrafe bis zu 150 DM oder mit Haft bis zu sechs Wochen bestraft.“

Doch genügte dieser zarte Hinweis, um weit über 100 000 Kieler Einwohner an jenem Wochenende auf den Weg in die 113 Annahmestellen zu schicken, die in den verschiedensten Stadtteilen eingerichtet worden waren. In den Antragsteller wo städtische Bedienstete und Studenten ihren Dienst taten, lagen die Antragsformulare bereit. Aber auch die Photographen standen bereit, Photographen aus allen Teilen Schleswig-Holsteins, insgesamt 80 an der Zahl, die nun an Ort und Stelle „Blitzaufnahmen“ von den Antragstellern machten. Die Paßbilder kosteten 2,50 DM. Die Summe wurde sogleich kassiert, und die Antragsteller konnten wieder gehen. Daß sie sich bei den Aufnahmen ein Nummernschild vor die Brust halten mußten, erweckte in manch einem allerdings unangenehme Gefühle.

Noch unangenehmere Gefühle aber gab es, als herauskam, wie es sich mit den Photographen verhielt, deren Dienste die Bürger wohl oder übel in Anspruch nehmen mußten. Diese Photographen nämlich standen im Dienste eines geschäftstüchtigen Bremer Unternehmers namens Walter Kretschmar, der die ganze Aktion im Auftrag des Einwohnermeldeamtes der Stadt Kiel gestartet hatte. Die Stadtverwaltung hatte ihm, da er angab, aus früheren Aktionen in Köln, Bochum, Neumünster über genügend Erfahrung zu verfügen, die Sache einfach übertragen. Kretschmar ließ die Merkblätter drucken, er organisierte alles, er stellte die Photographen, und er bezahlte auch die freiwilligen Mitarbeiter.

Daß er dies alles nicht umsonst tat, versteht sich. Gute Rechner haben ausgerechnet, daß er bei dem ganzen Unternehmen rund 65 000 Mark eingenommen hat. Selbt wenn man nun die Kosten abzieht, die ihm durch den Druck der Merkblätter und andere Ausgaben entstanden sind, bleibt noch ein hübscher Verdienst übrig. Diesen gewann er daraus, daß seine Photographen jeweils für drei Paßbilder 2,50 Mark nahmen und davon eine Mark an ihn abführten...