Es ist, vom Standpunkt der Dankbarkeit, allzusehr in Vergessenheit geraten, welches Verdienst sich um die Jahrhundertwende die allgemein verlachten „Originale“ um die allmähliche Durchsetzung gewisser vernünftiger Reformen und Korrekturen des zivilisierten Daseins erworben haben – sie, die „Unvernünftigen“, die „Narren“ (wie alle Klugen damals glaubten), die Wüstenprediger auf dem verhärteten Asphalt der Großstädte.

Einer der Bekanntesten aus dieser Gilde, dem man die Anerkennung nicht vorenthalten darf, daß er für höchst vernünftige Ziele den Mut zum Odium der Lächerlichkeit aufbrachte, war der Maler Karl Wilhelm Diefenbach, dessen Geburtstag sich heuer zum 110. Male jährt. Er hat lange in und bei München gelebt, wo er als „Kohlrabiapostel“ populär war, aber einmal auch von den Metzgern verdroschen wurde, weil er sie anläßlich einer von ihm veranstalteten Hygieneausstellung „bezahlte Mörder“ genannt hatte, „gedungen von der ihr Gewissen bemäntelnden fleischfressenden Gesellschaft“.

Ihm zu Ehren zeigt gegenwärtig das originellste Münchner Museum, das „Valentin-Musäum“ (mit ä, Eintritt 56 Pfennig) im Isartorturm, eine kleine Schau seines Nachlasses: eine lebendige Dokumentation seines Lebens, Lehrens, Leidens und Schaffens – nebst dem oft sehr amüsanten Echo der Öffentlichkeit.

Man begegnet da auch einmal wieder jenen sonnenanbeterischen, mädchenzarten Blüten des malerischen Jugendstils, jenen „echten Diefenbachs“, wie dem tänzerisch bewegten Silhouettenfries „Per aspera ad astra“, dessen Ausschnitte immerhin jahrzehntelang manche bürgerliche „gute Stube“ zierten, neben den wesensgleichen Erzeugnissen des jüngeren Fidus.

Mag es uns beim Anblick dieser Relikte einer verklungenen Zeit auch heute leise schaudern – sie ändern nichts an den Meriten ihrer Urheber um eine bessere Zukunft. War doch Diefenbach und sein Kreis (ihm gehörten auch die ersten Alles-Klein-Schreiber an!) obendrein Vorkämpfer eines ethisch begründeten Pazifismus inmitten wilhelminischer „Jederzeit-kampfbereit“-Protzerei.

Der erste „Friedenskongreß“, 1891 in Wien, sah den Naturapostel Diefenbach als Vertreter Deutschlands – neben Berta von Suttner (Österreich) und Mark Twain (USA). Den Ersten Weltkrieg zu erleben, blieb ihm erspart: Er starb ein halbes Jahr vor dessen Ausbruch auf der Insel Capri, seinem letzten Wohnsitz. Männer wie Maxim Gorki, Waldemar Bonsels, Robert und Alfred Neumann zählten am Ende seiner Jahre zu seinen Freunden. Auch das spricht jedenfalls dafür, daß der so vielfach verhöhnte und verhaßte „Sonnenbruder“ doch einigen weiter blickenden Zeitgenossen genug getan hat.

So darf man sagen, daß er die postume Würdigung verdient hat, die ihm mit der kleinen Ausstellung jetzt zuteil wird – am gleichen Ort übrigens, an dem Franziska Bilek einmal ihre wunderbare Kitschpostkarten-Sammlung zeigte. Ein feiner Zug münchnerisch-gutmütiger Ironie. A–th