In dem Brief, mit dem die Redaktion Schauspieler, Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Museumsdirektoren, Kritiker, Kunsthändler und Literaturwissenschaftler zur Mitarbeit an der heute beginnenden Rubrik „Mein Bild“ aufforderte, wurden die Angeredeten gebeten, nicht irgendein Bild zu nennen, das sie loben, sondern das Bild, mit dem sie leben und das sie lieben.

Die Unterscheidung war ziemlich grob. Sie hätte zugleich auch als kränkend aufgefaßt werden können: Es wurde nämlich damit unterstellt, daß zwischen „Lieben“ und „Loben“ eine Divergenz oder gar Diskrepanz bestehe. Aber es ist vielleicht für unsere Kunstsituation aufschlußreich, daß durch diese Unterscheidung sich nicht einmal moderne Museumsdirektoren verletzt fühlten – solche Kunstsachverständige also, von denen man doch erwarten darf, daß sie auch Kunstliebhaber sind und den Mut zum ständigen Bekennen ihrer „Liebschaften“ in aller Öffentlichkeit besitzen.

Es ist schwer, „Loben“ und „Lieben“ zur Übereinstimmung zu bringen. Warum eigentlich? Darum, weil Loben und Lieben verschiedenen Gesetzen folgen. Das Loben ist mehr ein Akt des Bewußtseins, zu ihm gehören die Maßstäbe, Normen und womöglich kunstwissenschaftlichen Kategorien. Das Lieben stützt sich mehr auf das Gefühl, auf die Intuition, auf das Erahnen. Mit beiden „Verhaltensweisen“ bekommt man unter Umständen recht verschiedene Erscheinungen der Kunst „in den Griff“.

Als wesentlichster Punkt kommt hinzu, daß, wer lobt, sich eher der Suggestion der überall geäußerten Kunstauffassungen mit ihren propagandistischen Formeln und Schemata unterwirft. Die „Liebe“ dagegen ist unbewußter, zugleich aber auch ursprünglicher und selbständiger. Was die allgemein propagierte Kunstauffassung will, wissen wir ja – sofern darin überhaupt Klarheit und Systematik, nicht Zufälligkeit und Willkür herrschen. Die Serie „Mein Bild“ könnte darüber hinaus noch zeigen, welche Neben- und Seitenwege (aber niemals Sackgassen) die Liebe zur Kunst geht.

Nebenbei bemerkt: gegen die Kunstliebe, die nicht mit Kunstschwärmerei oder mit Kunstsentimentalität zu verwechseln ist, gibt es keine stichhaltigen Einwände. Was will man schon ernstlich gegen eine Verbundenheit mit Kunstwerken einwenden, wenn diese Verbindung einen Teil unseres eigentlichen, unseres wirklich gelobten Lebens ausmacht?

Das Kunstkennertum ist vorwiegend eine Sache der gescheiten und geschulten Köpfe. Das Bekennertum der stilleren Neigung zur Kunst, das wir hier angeregt haben, ist darüber hinaus die Sache einer unsentimentalen, wachen, lebenskräftigen, ja heiteren Menschlichkeit. Mit der Metapher des Diogenes, der mit der Laterne einen Menschen sucht, kann ich hier nicht viel anfangen: Sehe ich mir die Schar der Mitarbeiter an der Rubrik „Mein Bild“ an, so sehe ich lauter Menschen ...

Wir beginnen mit Daniel-Henry Kahnweiler – nicht zuletzt deshalb, weil Kahnweiler eine wichtige Rolle spielte, als jüngst Verhandlungen zwischen Franco-Spanien und Pablo Picasso geführt wurden und als das in der heutigen Ausgabe reproduzierte Frühlingsbild Picassos von Madrid als Leihgabe erbeten wurde. René Drommert