Die "Woche des zeitgenössischen Musiktheaters" in der Hamburgischen Staatsoper

Von Josef Müller-Marein

Die Bürger der Stadt durften sich von ihren Gästen sagen lassen, daß sie stolz sein sollten auf ihre, die Hamburgische Staatsoper. Die Gäste, soweit sie aus Deutschland stammten, ließen sich nun ihrerseits von jenen Besuchern, die aus dem Ausland herbeigereist waren, das Kompliment machen, sie könnten stolz sein auf diese deutsche Oper. Anlaß zu solchen Gratulationen war die "Woche des zeitgenössischen Musiktheaters": Von einem Dienstag zum anderen nichts als neue Kunst. Die Frage aber, wie sich die Abonnenten zu solcher Überfülle der Moderne stellten, ergab sich nicht so zwingend, weil die Abonnenten – anders als die Gäste – nicht die ganze Serie, sondern jeweils nur ein Stück daraus genießen oder ertragen durften. Es waren die Künstler, denen die Last der Verantwortung auferlegt war. Wäre ein einziger Sänger der "Ersten Garnitur" krank geworden, schon wäre das Unternehmen ins Wasser gefallen. So aber hatten sie und ihr Intendant Liebermann Glück. Und man wird noch lange von dieser Leistung reden, die wieder einmal – und zwar weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus – das Opernhaus in der Nähe des Gänsemarktes in den Blickpunkt der Kunstkenner gerückt hat.

Kein Wunder, wenn ausländische Zeitungen nicht vergessen, auch den historischen Lobpreiston anzuschlagen: Hamburg, die Stadt, in der sich zum ersten Male die Bürger leisteten, was sonst den Fürsten vorbehalten war: ein Opernhaus (am Gänsemarkt). Wobei die Kühnheit der Gründungsidee (im 17. Jahrhundert) durchaus der "Modernität" des Programms entsprach, so daß in jener Zeit Hamburg mit Recht als eine der Musik-Hauptstädte der Welt angesehen wurde.

Günther Rennert

Aber die Geschichte der Nachkriegszeit ist ja nicht weniger interessant: Die Bomben hatten den Eisernen Vorhang respektiert, so daß im zerstörten Opernhaus die Bühne tatsächlich noch vorhanden war. Dort, wo provisorisch nun auch Plätze für Zuschauer und Orchester eingerichtet worden waren, hatte Günther Rennert die Gelegenheit ergriffen, seinen Namen weltweit bekanntzumachen als den eines der großen Erfinder des modernen Darstellungsstiles. Hier vor allem ist der Typ des "singenden Schauspielers" geprägt worden. Aber nicht minder bezeichnend ist, daß die zeitgenössische Produktion von Anfang an eine große Rolle in dem kleinen Behelfsraum gespielt hat. Das begann mit Strawinskijs "Geschichte vom Soldaten", führte über Dallapiccolas "Nachtflug" und Schönbergs "Erwartung" zu Honeggers "Abenteuern des Königs Pausole" und umfaßte nicht nur Hindemiths "Mathis der Maler", sondern auch Alban Bergs "Wozzeck", der seit 1953 auf dem Spielplan steht und auch jetzt aufgeführt wurde – eine der reifsten Darbietungen der "Woche des zeitgenössischen Musiktheaters", vielleicht die schönste überhaupt.

Rolf Liebermann