Von Walter Gong

Die Bundesregierung werde weiterhin bemüht sein, die Rückerstattung des seinerzeit in Amerika beschlagnahmten deutschen Eigentums anzustreben, heißt es in einer Bonner Verlautbarung, die besser unterblieben wäre. Es liest sich schon sehr dürftig, was da als melancholische Trostpille für die seit acht und mehr Jahren künstlich genährten deutschen Hoffnungen verabreicht wird, der amerikanische Kongreß könne sich eines Tages bereit finden, ein Sondergesetz zu verabschieden, mit dem deutsche Vorkriegsvermögen in den USA im heutigen Gesamtwert von 200 Millionen Dollar zurückerstattet würden.

Zweihundert Millionen? Lasen wir richtig? Jawohl, wir lasen richtig – und schon diese Zahl zeigt, warum es gescheiter gewesen wäre, über die ganze Rückerstattungsaffäre überhaupt nicht mehr zu reden. Vor Jahren waren es nämlich noch 400 bis 500 Millionen, die man erwartete; nun sind es nur noch 200 Millionen – und daß man auch die nicht bekommt, weiß man in Bonn ganz genau. Die Zahl ist geschrumpft, die Hoffnungen sind längst hin, aber die Bundesregierung will „weiterhin bemüht sein...“

Nun soll die dürre Feststellung, daß die Bundesregierung, seit 1953 schätzungsweise, vergeblich um die Rückerstattung des deutschen USA-Eigentums bemüht war und sich jetzt, in der harten, kühlen Luft des Kennedy-Regimes, schon erst recht nicht um etwas zu bemühen braucht, was in der milden, altväterlichen Atmosphäre der Eisenhower-Zeit nicht gelang –, nun soll diese in der Tat unerfreuliche Feststellung die Verfechter des Prinzips des Privateigentums keineswegs auf die Barrikaden gegen Amerika rufen – im Gegenteil. Sie soll nur uns zur Ordnung rufen und uns allen eiskalt klarmachen, daß wir wichtigere Dinge mit den Amerikanern zu regeln haben als diese 400 oder 500 Millionen, die inzwischen zu 200 Millionen geworden sind und die auch ganz verschwinden könnten, ohne daß es die deutsche Wirtschaft spürte. Es mutet doch nahezu grotesk an, daß wir im selben Atemzug den Amerikanern Finanzhilfe anbieten (ungern und konfus, aber doch!) – und ihnen einen Teil dieser Finanzhilfe als Eigentumsrückgabe wieder abverlangen möchten. So kann man doch mit den Kennedys nicht verhandeln.

Die Sache war übrigens von vornherein rettungslos verfahren. Als sich noch rein private Kreise deutscherseits um die Rückgabe kümmerten und die Bundesregierung klugerweise hübsch draußen blieb, konnte man noch von einem Konflikt „Geldinteressen gegen Geldinteressen“ sprechen – und es war keine Belastung für das offizielle deutsch-amerikanische Verhältnis. Damals spielte es auch noch keine Rolle, daß die „deutsche Lobby“ in Washington jährlich Hunderttausende von US-Dollars für die Schaffung einer rückgabefreundlichen Atmosphäre ausgab, der die „amerikanische Lobby“ wiederum mit derselben kapitalkräftigen Stimmungsmunition entgegenarbeitete. Das war eine private Auseinandersetzung zwischen Finanzinteressen hier und Finanzinteressen dort. Erst als die Bundesregierung sich offiziell engagierte und sich törichterweise immer wieder von Eisenhower „ versprechen“ ließ, er werde „sein Möglichstes“ tun, ergab sich jene atmosphärische Belastung, die ein angesehener deutscher Diplomat einmal mir gegenüber händeringend mit den Worten beklagte: „Nun, sagen Sie mal, brauchen wir diese paar hundert Millionen wirklich so dringend? Sind sie es wirklich wert, die deutschamerikanische Freundschaft aufs Spiel zu setzen?“

Die Lobbies indessen lebten weiter und sie lebten gut. „Reporter Magazine“ hat seinerzeit Zahlen veröffentlicht, die nie widerlegt wurden und einem kalte Schauer über den Rücken jagten. Aus ihnen ging hervor, daß unsererseits jahrein-jahraus so viel Geld für die theoretische Chance der Rückgabe ausgegeben wurde, die den bescheidenen Anspruch der Witwe Schulze – der eigentlich Leidtragenden der Affäre – lächerlich erscheinen ließ. Sie wäre mit einem Bruchteil zufrieden gewesen. So aber muß sie ihren Lebensabend beschließen, ohne auch nur einen drüben angelegten Cent wiedergesehen zu haben; die Lobby-Dollars der Großinteressen haben die Cent-Interessen der kleinen Rückgabeberechtigten mit jahrelangen falsch gezielten Breitsalven versenkt.

Während sich die Sachverständigen noch darüber stritten, ob ehemalige IG-Farben-Aktien deutscher oder schweizerischer Besitz seien (an der Zürcher Börse wurden sie fleißig gehandelt), warteten in der Bundesrepublik zwei ostpreußische Flüchtlingsfrauen vergeblich auf das Geld, das ihnen ihr Papa – ein US-Senator aus Nevada! – vermacht hatte. Die beiden Amerikanerinnen hatten nämlich verwerflicherweise in Ostpreußen geheiratet und wurden dadurch – während des „Total“krieges – ihr Erbe los, das ihnen der Vater, immerhin ein amerikanischer Senator, hinterlassen hatte. Ihre Kosten gerieten in die Rubrik „Feindeigentum.“ Und wenn sie noch leben, warten sie immer noch ...