Bundesverteidigungsminister Franz Joseph Strauß ist ein Mann großer Fähigkeiten. Zu ihnen zählt freilich auch die besondere Begabung, andere durch schnelle Äußerungen vor den Kopf zu stoßen.

Kaum war vorige Woche in Washington die Behauptung aufgetaucht, Außenminister Rusk habe in einem Memorandum angeregt, selbst ein größerer Angriff in Europa solle zunächst nur mit herkömmlichen Waffen abgeschlagen werden, da schritt der temperamentvolle Bayer schon zur voreiligen Tat. Durch seinen Pressereferenten, den Oberst Schmückle, ließ er wissen, wie wenig man in der Ermekeil-Kaserne von derlei Plänen halte. Schmückle sprach von den Sowjets – und dachte doch wohl an die Amerikaner, als er erklärte: „Westeuropa soll für eine besondere Spielart der Wehrlosigkeit entflammt werden, für eine Wehrlosigkeit, die auf dem Irrtum beruht, Westeuropa ließe sich in unserer Zeit noch mit nur konventionellen Streitkräften verteidigen.“ Der Abschreckungseffekt sei nur wirksam, wenn die NATO-Frontverbände die taktischen Atomwaffen „in ihren eigenen Reihen“ haben.

Gerade zu einem Zeitpunkt, da manch Schatten auf die Beziehungen zwischen Washington und Bonn gefallen ist, war es nicht weise, so unüberlegt auf vage Berichte zu reagieren – die übrigens von Rusk selber schon wenig später als „unkorrekt“ und „unwahr“ abgetan wurden.

Am Dienstag bekam Strauß die erste deutliche Quittung. Gefragt, was er von der Auffassung des Bundesverteidigungsministeriums halte, erklärte Kennedys Sonderbotschafter Harriman: „Herr Strauß hat wohl eigene Vorstellungen. Ich bin nicht hier, um über spezielle NATO-Probleme zu verhandeln.“ Im übrigen sei über die atomare Ausrüstung der NATO von der Kennedy-Regierung noch keine Entscheidung gefällt worden. All dies werde noch geprüft...

Ohne Not, auf ein Gerücht hin, hat Strauß durch seine mißtrauische und schroffe Haltung Washington verärgert. Auch wenn es um harte Verteidigungsfragen geht – ein bißchen politisches Feingefühl kann nicht schaden ... H. G.