Berlin, im März

Der unangenehme Verdacht, der jeden Besucher beschleicht, wenn ihn die Ur- oder Erstaufführung eines Filmes in Ostberlin erwartet, wurde diesmal wenigstens teilweise zerstreut. Man erinnerte an die Waffenbrüderschaft zwischen Ost und West im Zweiten Weltkrieg, als ein gemeinsamer Gegner die Einmütigkeit förderte und differenziertere politische Gegensätze zu sekundären Problemen machte. Der Film, der jetzt in Ostberlin – zum erstenmal in Deutschland – zu sehen ist, heißt „Normandie – Njemen“. Er ist der erste französisch-sowjetische Gemeinschaftsfilm,

Nach den Worten des Regisseurs Jean Dreville soll er Spiel- und zugleich Dokumentarfilm sein. Dennoch soll der Zuschauer nicht fühlen, daß ihm ein Dokument gezeigt wird: „Der Zuschauer soll vergessen, daß er im Kino ist, soll voll empfinden, daß dies das Leben selbst ist, obwohl wir unseren Helden Phantasienamen gegeben und ihre Umgebung nur rekonstruiert haben.“ Das Drehbuch schrieben Konstantin Simonow – bekannt durch den Stalingrad-Roman „Tage und Nächte“, durch „Die Russische Frage“ und „Die Lebenden und die Toten“ –, die französische Kommunistin Elsa Triolet – Lebensgefährtin Louis Aragons und Autorin von „Die Liebenden von Avignon“ und „Rosen auf Abzahlung“ – sowie Charles Spaak. In Paris ließen die Sowjets den Film im vergangenen Jahr nicht ohne Absicht kurz vor dem Besuch Chruschtschows uraufführen; die deutsche Fassung kommt jetzt. Darsteller sind französische und russische Schauspieler, die hier nun deutsch und (original) russisch sprechen.

Die Geschichte: Frankreich hat kapituliert, die Reste seiner Armee sind zum Waffenstillstand gezwungen. Französische Flieger, die mit der Politik Marschall Pétains nicht einverstanden sind, versuchen, gegen Deutschland zu kämpfen. Sie treffen sich in Teheran und werden von dort in die Sowjetunion geflogen (übrigens in einer amerikanischen Dakota). Sie bilden mit sowjetischen YAK-Jagdflugzeugen die Staffel „Normandie“.

Die Franzosen auszubilden ist indessen für die Sowjets schwierig: Fremde Flugzeugtypen, fremdes Land, fremde Sprache. Verständigungsschwierigkeiten fordern zwei Opfer: Ein Franzose schießt einen Russen ab, weil er ihn für einen Deutschen gehalten hat; ein Franzose wird von Deutschen abgeschossen, weil er die Warnungen der Russen im Sprechfunk nicht verstanden hat. Die Engländer, bei denen sich einige der Freiwilligen anfänglich beworben hatten, hatten verlangt, zuerst Englisch zu lernen. Die Franzosen lehnten dieses Ansinnen ab: Die Russen forderten keinen Sprachunterricht...

Doch die Staffel bewährt sich. Der Übergang über den Njemen glückt, und der Staffel wird der Ehrenname „Normandie–Njemen“ verliehen. Zum Schluß regnet es Orden und markige Worte. Trotz mancher Spannung sind Franzosen und Russen jedoch gute Kameraden geworden, und auch die Amerikaner sind treffliche Verbündete: Das historische Zusammentreffen amerikanischer und sowjetischer Truppen bei Kriegsende wird kurz eingeblendet. Daß unliebsame Diskussionen die Eintracht störten, war sogleich verhindert worden; beim Eintreffen der Freiwilligen vergattert der Sowjetgeneral seine Männer: „Keine Gespräche mit den Franzosen über ihren Glauben und über Politik. Sie kommen als Freunde.“ Und auch das Verhältnis eines französischen Flieger-Barons zu seinem sowjetischen Mechaniker ist hier bemerkenswerterweise menschlich wahr und ohne falschen Zungenschlag dargestellt, und der Baron rettet sich schließlich nicht aus seiner brennenden Maschine, sondern versucht, sie zu landen, weil der Mechaniker keinen Fallschirm auf den Flug mitgenommen hatte – beide kommen ums Leben. Deutsche Soldaten werden nur kurz gezeigt, und nicht einmal verzerrt.

Dennoch ist der Film mittelmäßig. Es ist zu viel Wert auf die Ausbreitung persönlicher Differenzen unter den Franzosen gelegt worden. Viele Szenen laufen leer, und der russische Hang zum Langausspielen läßt einen zuweilen sehnsuchtsvoll auf die Uhr schauen. Gottfried Paulsen