Von Egon Vacek

Phnom Penh, Anfang März

Am Tisch saßen: der Außenminister von Kambodscha, Nhiek Tioulong, der Informationsminister und Führer der „Königlich sozialistischen Jugend von Kambodscha“, Chau Seng, der sowjetische Botschafter in Phnom Penh, Alexander Abramow, der jugoslawische Geschäftsträger, dessen Namen ich vergessen habe, und der deutsche (West-)Journalist, dessen Namen ich nicht zu nennen brauche. Auf dem Tisch standen dampfende Schüsseln mit Sauerkraut, Würstchen und G’selchtem. Das Ganze spielte sich in der Tempelstadt Angkor ab, mitten im Dschungel von Nordkambodscha.

Die seltsame Tafelrunde zu Füßen jahrhundertealter vierköpfiger steinerner Buddhas war so zustandegekommen: Der Ex-König Leopold von Belgien und seine Gemahlin, Prinzessin Rethy, hatten die frühere Hauptstadt des Khmer-Reiches, Angkor, mit ihrem Besuch beehrt – zwei Tage, nachdem die Nachricht von der Ermordung Patrice Lumumbas auch in diesem entlegenen Weltwinkel bekannt geworden war. Außenminister Nhiek Tioulong war dem hohen Gast aus Belgien vom Staatschef, Prinz Norodom Sihanouk, als Begleiter durch Angkor zugeordnet worden.

Zu gleicher Zeit wollte Chau Seng, der Informationsminister, dabei sein, wenn sein Staatschef eine neue Schule in der nahe bei Angkor gelegenen Stadt Siem Reap einweihte. Der jugoslawische Geschäftsträger, dessen Namen ich vergessen habe, wollte wiederum mit dem kambodschanischen Außenminister sprechen. Der sowjetische Botschafter Abramow hatte dem Prinzen Sihanouk, wie er mir sagte, einen Brief von Ministerpräsident Chruschtschow zu überreichen, und der deutsche Journalist sollte Gelegenheit für ein Interview mit dem Staatschef von Kambodscha erhalten.

Alexander Abramow, ein bulliger, freundlicher Riese mit einem saalfüllenden Lachen, zeigte auf das Sauerkraut: „Extra für Sie!“ rief er. „Die Deutschen stehen hier in großer Gunst!“ Er lud sich eine mächtige Portion auf den Teller und half seinem Nachbarn, dem Außenminister von Kambodscha, die Würste aus der Terrine zu angeln.

„Als Journalist aus Hamburg“, so griff Außenminister Nhiek Tioulon das Gespräch auf, „sollten Sie sich unbedingt unseren ersten Hafen Sihanoukville ansehen. Es geht eine ausgezeichnete Autobahn dorthin.“