J. K., Paris, im März

Die Währungssanierung in Frankreich vor zwei Jahren hat auch in den technisch stark zurückgebliebenen Handel einen frischeren Konkurrenzwind gebracht. In den letzten zwei bis drei Jahren ist hier mehr modernisiert worden, als in den vorausgegangenen zwölf Jahren seit Kriegsende. Und das, obwohl man sich in Frankreich strukturelle Veränderungen sehr behutsam zu überlegen und dann recht langsam zuzugreifen pflegt, um den Betroffenen möglichst wenig weh zu tun.

Zahlreiche Kleinbäcker sind geschlossen oder unter neuen Besitzern zu größeren Geschäften ausgebaut worden. Die Kleinhändler selbst haben Einkaufsgenossenschaften gegründet, um billiger einkaufen zu können. „Uniprix“ – und Monoprix“ – und andere Einheitspreis-Geschäfte sind wie Pilze aus der Erde geschossen. Die Rabattgeschäfte haben sich vermehrt. Und trotz der düsteren Prophezeiungen seiner Widersacher hat der Preisbrecher Leclerc mit behördlicher Rückendeckung in zahlreichen französischen Städten festen Fuß fassen können. Selbst in Kleinstädten sind heute Selbstbedienungsläden zu finden, wenn sie oft auch nur klein sind.

Nach einer französischen Statistik gab es Ende 1959 in Frankreich 1663 Selbstbedienungsläden gegen 229 im Jahre 1953. Die Zahl ist kaum höher als in der viel kleineren Schweiz und entspricht nur dem zehnten Teil der Selbstbedienungsläden in der Bundesrepublik. Aber die Bewegung gewinnt rasch Freunde.

Mit dem Bau zahlreicher Trabantenstädte rings um den Pariser Stadtkern und um andere französische Großstädte beginnt sich auch die Idee der Supermärkte durchzusetzen. In einigen Pariser Vororten und in Bordeaux wurden im letzten Jahr bereits neue Geschäfte eingeweiht, die sich stolz Supermärkte nennen. Mit ihren amerikanischen Vorbildern haben sie allerdings kaum mehr als den Namen gemein. Ihre Nutzflächen gehen nur selten über 500 qm hinaus, und sie führen auch fast nur Nahrungsmittel. Außerdem verfügen diese Geschäfte meist nicht über ausreichende Parkmöglichkeiten für ihre motorisierten Kunden.

Indessen, es ist ein Anfang. Kapitalkräftige Kreise haben sich der Idee angenommen, und in den letzten Monaten sind – teilweise mit internationaler Unterstützung – nicht weniger als fünf große Gesellschaften geschaffen worden, die Supermärkte einrichten wollen. Die größte von ihnen, die Société des grandes entreprises de distribution Inno-France mit einem Kapital von 35 Mill. NF, an dem eine belgische Warenhausgruppe mit Mehrheit beteiligt ist, will im Raum von Großparis bis Ende 1963 acht Supermärkte mit je 7000 bis 8000 qm Verkaufsfläche errichten. Zwei dieser Geschäfte sind bereits im Bau.

Der Warenhauskonzern „Au Printemps“ hat zusammen mit einer Gesellschaft, die bisher im Kolonialgeschäft tätig war, eine neue Gesellschaft gebildet, die in Paris einen ersten Supermarkt in Bau gegeben und in Bordeaux bereits einen eröffnet hat. Dieser erste Supermarkt in Bordeaux verfügt über eine Nutzfläche von 1800 qm und führt neben Lebensmitteln insbesondere Textilien und Haushaltgeräte. Die übrigen drei neuen Gesellschaften wollen sich vor allem in Ost- und Mittelfrankreich sowie in der Lyoner Gegend ansiedeln, so daß die Provinz diesmal nicht hinter

Paris zurücksteht.