In einem Artikel seiner Kammermitteilungen, die in der vergangenen Woche über die Schreibtische des Reviers wanderten, hat der Hauptgeschäftsführer der Industrie-, und Handelskammer Dortmund, Dr. W. Utermann, darauf hingewiesen, daß das Ruhrgebiet möglicherweise einem „Verarmungsprozeß“ entgegengehe. Mit der Feststellung, daß mehr als die Hälfte der industriellen Umsätze und der industriellen Beschäftigten im Ruhrgebiet auf „relativ wachstumsschwache Industriegruppen“ entfallen, verknüpfte Utermann die Befürchtung, daß das Ruhrgebiet den Anschluß an den Wohlstand verlieren könnte. Dabei verwies Utermann nicht nur auf den Steinkohlenbergbau, sondern zugleich darauf, „daß auch der zweite bedeutende Zweig, die Eisen- und Stahlindustrie, auf längere Sicht weniger stark zunimmt als andere moderne Industrien“.

So überraschend dieser Hinweis angesichts jüngst bekanntgewordener Investitionsplanungen (Hüttenwerk Oberhausen 200 Mill. DM, Klöckner 400 Mill. DM, Dortmund-Hoerde 500 Mill. DM, August-Thyssen-Hütte sogar 650 Mill. DM) wirkt, so deutlich scheint er dennoch von den Indizes der westdeutschen industriellen Produktion unterstrichen zu werden, die Utermann auf der Basis 1936 = 100 anführte. Danach liegt die gesamte Industrie bei 274, die Kohle bei nur 114, die eisenschaffende Industrie bei 193, dagegen aber die Chemiefasererzeugung bei 1005.

Dennoch, es wäre verfrüht, sich schon jetzt graue Haare über die Zukunft des Reviers wachsen zu lassen. Die jüngsten Bedarfsschätzungen der Hohen Behörde sagen für 1965 eine Stahlerzeugung von 87 bis 93 Mill. Tonnen, bei guter Konjunktur sogar von 92 bis 98 Mill. t voraus. Verglichen mit 1955 (52,6 Mill. t) käme das im Gemeinsamen Markt fast einer Verdoppelung des Ausstoßes innerhalb von zehn Jahren gleich. Ein durchschnittliches Wachstum von 4 bis 5 Mill. t bedeutet auf der Basis 1955 eine Zuwachsrate, die mit rund 8 vH doppelt so hoch ist, wie die von Utermann für die Gesamtindustrie als notwendig erachtete.

Auch verschiebt sich das Bild grundlegend, wenn man die Entwicklung nicht aus der Perspektive des Jahres 1936 betrachtet, sondern auf der Basis des offiziellen Index, nämlich 1950. Dann nämlich läuten die Daten der industriellen Nettoproduktion 119 für Kohle, 228 für die eisenschaffende Industrie und 377 für die Chemiefasererzeugung. Diese Relationen nehmen sich ganz anders aus als die Utermannschen.

Begrüßenswert dennoch der Mut, mit dem Utermann im gleichen Zusammenhang mit einigen Thesen moderner Strukturpolitiker aufräumte. So ist für ihn die „antistädtische“ Einstellung „nicht ganz frei von romantischen Zügen“. Auch ist es für ihn nicht der Arbeitskräftemangel, der die Ansiedlung neuer Betriebe verhindert, sondern umgekehrt macht das Fehlen wachstumskräftiger Industrien den Arbeitsmarkt unelastisch. Von dieser zusätzlichen Hereinnahme „moderner“ Industrien hängt es für Utermann ab, ob die Anziehungskraft des Ruhrgebietes anhält und der Wohlstand im gleichen Tempo wächst wie in anderen Industriegebieten. Schon jetzt hat die Anziehungskraft des Ruhrgebietes für Arbeitskräfte abgenommen. Die Bevölkerung und die Zahl der Beschäftigten im Bundesgebiet ist in den Jahren 1959 und 1960 gewachsen, während sie im Ruhrgebiet fast unverändert geblieben ist. -en