Die vielen Ausstellungen von Kinderzeichnungen lassen manchen vermuten, die Kinder würden in den Schulen angehalten, „abstrakt“ zu malen. Oft ist auch schon mit Freude – oder mit Ärger, je nach dem Standpunkt – bemerkt worden, daß die jungen Menschen leichter Zugang zur ungegenständlichen Kunst haben. Jeder, der nur selbst den Weg in eine Kunstausstellung findet, kann beobachten, daß in diesen Kunstsälen junge Menschen in großer Zahl, einzeln und in Gruppen, sehr neugierig und keineswegs gelangweilt umherstreifen. Der Grad ihres Interesses läßt Rückschlüsse auf ihren Kunsterzieher zu.

Der alte Zeichenlehrer ist vom Kunsterzieher abgelöst worden. Die musische Erziehung ist besser geworden. Einst verlangte der Zeichenlehre: schon von den Kindern in frühen Schuljahren, eines Gegenstand „naturgetreu“ nachzubilden – obwohl sie, noch ganz in ihrer eigenen Vorstellungswelt befangen, den Gegenstand ganz anders sahen. Kinder sind keine „halbfertigen Erwachsenen“, sie haben eigene Ausdrucksformen. Der Kunsterzieher, der auf den Kunstakademien ausgebildet wird, weiß das. Sein Lehrplan schreibt vor, daß die Kunsterziehung „durch bildnerisches Gestalten die Kunsterziehung „durch des heranwachsenden Menschen frei machen soll“, daß sie „helfen soll, sich mit dem äußeren Erscheinungsbild der Umwelt auseinanderzusetzen“, und daß sie anregen soll, „Vorstellungen auszudrücken und eine Bildsprache zu entwickeln“.

Die Kinder erfahren, indem sie ihre Sinnesorgane schärfen und ihren schöpferischen Geist wirken lassen, was man mit Farben und Formen ausdrücken kann. Sie lernen, Kunstwerke nicht nur ästhetisch auf sich wirken zu lassen, sondern mit den Augen abzutasten und im Geiste „nachzuvollziehen“ und dadurch zu verstehen. Ihre handwerkliche Ausbildung, ihre künstlerischen Übungen öffnen Auge und Herz. Pädagogen und Psychologen sagen, die Kunsterziehung habe überdies therapeutische Bedeutung: Durch die Möglichkeit, sich schöpferisch auszudrücken, werden innere Spannungen gelöst. Zeichnen und Malen üben heißt: besser sehen lernen. Sehen können gehört zur Bildung des Menschen wie Sprechen und Denken können. Das kommt auch der wissenschaftlichen Arbeit zugute. Wer mangelhaft schaut, denkt auch mangelhaft. Die Kunsterzieher sind davon überzeugt, daß sie mit der musischen Erziehung einen bedeutsamen Teil der Erziehung überhaupt übernehmen. Sie sagen, das Stoffpensum der Wissensgebiete könnte ohne Schaden gemindert werden. Jeder, der Denken gelernt hat. könne seine Kenntnisse nach Bedarf später leicht ergänzen, während die Sinnes- und Gefühlsbildung, die in der Jugend vernachlässigt würde, kaum mehr einzuholen ist.

Emil Preetorius hat daher die alarmierenden Vorschläge mehrerer Länder, die eine vollständige Streichung des Musischen aus der Liste der Pflichtfächer der Oberstufe empfahlen, barbarisch genannt. In seiner Rede vor dem bayerischen Senat sagte er, die neue, sich in Westdeutschland anbahnende Regelung trüge dazu bei, den geistigen Materialismus zu fördern: „Was haben wir denn davon, großartige Museen mit ungeheurem Kostenaufwand hinzustellen, Konzerte, Opernaufführungen und Theatervorstellungen zu veranstalten, wenn die Menschen fehlen, die das aufnehmen können? Gerade im Hinblick auf die bildende Kunst ist ernstlich die Gefahr gegeben, daß dieses große Erbe für die jungen Menschen nicht mehr voll existiert, weil sie sich nicht dafür interessieren. – Es geht darum, in den Schulen die in jedem Menschen schlummernden schöpferischen Kräfte von früh an wachzurufen: Das ist das A und O. Es geht... nicht um Handfertigkeiten, es geht ums Bauen, ums Basteln und ums Musizieren, zumal das Singen, und ums Theaterspielen.“

Die Reformvorschläge zugunsten der sogenannten Nützlichkeitsfächer sind vorläufig, nicht zuletzt durch den Einspruch Bayerns, zu Fall gebracht worden. Aber trotz aller Erkenntnisse seit Ruskin und Morris, die um 1860 für die moderne Kunsterziehung plädierten, ist vieles faul. Es fehlen die geeigneten Lehrkräfte für das „Bildnerische Gestalten“ in den Volksschulen. An dem humanistischen Gymnasium, an dem der Kunsterzieher Bernd Hering lehrt, den wir einen Tag lang bei seiner Arbeit beobachtet haben, ist – wie an allen höheren Schulen des Stadtstaates Hamburg – in der Oberstufe der musische „Epochenunterricht“ eingeführt, daß heißt, es findet jeweils abwechselnd ein halbes Jahr lang Kunstunterricht oder Musikunterricht statt. In der letzten Klasse ist der musische Unterricht wahlfrei, doch die Kunsterzieher laufen Sturm dagegen.