B. B., Kairo, Anfang März

Eine sozialistisch-kooperative Wirtschaftsform schwebt dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Republik als Ideal vor. Gewiß wird dieses Wirtschaftsmodell im Laufe der kommenden Jahre noch einige Veränderungen erfahren, aber über eines besteht kein Zweifel: Die Privatwirtschaft wird eines Tages ganz verschwunden sein.

In der südlichen Provinz der Vereinigten Arabischen Republik, in Ägypten also, haben die Behörden bereits konkrete Methoden entwickelt, wie sie die private Wirtschaft in eine staatliche überleiten können: Es werden vom Staat geeignete Anlässe gesucht, um wichtige Firmen und Betriebe zu enteignen. Und es erfolgt keine Enteignung, ohne daß nach außen hin gewichtige Gründe – meist politischer Natur – angegeben werden. So kann die Regierung dann bei jeder Enteignung wieder zu derselben Beruhigungsformel greifen, daß an eine weitere Verstaatlichung nicht gedacht sei.

Aber die Tarnung nutzt nicht viel. Die Methode „Dr. Unblutig“ – wie die Taktik Nassers oft sarkastisch genannt wird – kann die Bedenken der privaten Wirtschaft nicht mehr zerstreuen. Das zeigt sich besonders deutlich bei den Aktienverkäufen. Obwohl Aktien von soliden, noch nicht verstaatlichten Unternehmen mit Renditen von acht bis zehn vH angeboten werden, finden sie keine Käufer. Der Durchschnittswert der Aktienkurse ist daher auch von 150 Punkten im Jahre 1960 auf 120 in diesem Jahr zurückgegangen.

Gelegentlich allerdings erwies sich Nassers Taktik auch als Mißgriff. So nahm er die Kongo-Politik Belgiens zum Anlaß, im vergangenen Jahr eine belgische Bank unter den Staatssequester zu stellen. Aber er traf mit dieser Beschlagnahme nur das arabische Kapital von Kuweit; die Belgier hatten ihr Geld schon vorher ins Ausland transferieren können. Insgesamt jedoch hat man auf diese Weise in Ägypten – in der nördlichen Provinz Syrien liegen die Dinge anders – schon feste Fundamente für die künftige Staaiswirtschaft errichten können. Bis auf wenige unbedeutende Bankhäuser ist das Bankwesen in Ägypten entprivatisiert. Und binnen eines Jahres wird dieser Verstaatlichungsprozeß wahrscheinlich abgeschlossen sein. Gerade in jüngster Zeit konnte die Enteignung eines der mächtigsten Bankhäuser, der Misr-Bank, verhältnismäßig reibungslos vollzogen werden.

Die Misr-Bank, die zu einem Konzern gehörte, beherrschte neben anderen wichtigen Unternehmen 75 vH der ägyptischen Textilindustrie. So ist es Nasser mit einem besonders ausgeklügelten und auf Staatsvorteile bezogenen Gesetz gelungen, über die Misr-Bank etwa die Hälfte der ägyptischen Wirtschaft in die Hand zu bekommen. Dieses Gesetz ermöglicht ihm, in jedem Betrieb schon bei einer 25prozentigen Kapitalbeteiligung den geschäftsführenden Direktor zu ernennen sowie jeden Vorstandsbeschluß zu annullieren, falls der Staat daran Interesse hat. Der in der „kapitalistischen“ Zeit errichteten Wirtschaft sozialistische Fesseln anzulegen, ist aber nur ein Teil Nasserscher Wirtschaftsplanung. Gleichzeitig begann die Regierung mit der Errichtung eigener Wirtschaftsorganisationen. Dies führte dazu, daß sich das Wirtschaftsleben in der VAR heute zweigleisig abwickelt. Für die „sozialistisch-kooperative“ Wirtschaftsordnung sind zwei dieser neugeschaffenen Organisationen besonders wichtig:

1. Die EDO (Economical Development Organisation), in der alle staatlichen, beziehungsweise verstaatlichten Unternehmen zusammengefaßt sind, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes in irgendeiner Beziehung stehen.