Die Autoren moderner Hörspiele haben entdeckt, daß sich diese Kunstform für den „inneren Monolog“ ganz besonders gut eignet. Der Hessische Rundfunk inszenierte ein dafür typisches Stück unter dem Titel „Der Mann, der nicht zurückkam“ von Wolfgang Weyrauch. Wieder einmal geht es um eine todlangweilige Ehe, und wieder einmal ist der Ehemann Vertreter – zwei Schablonen, auf die anscheinend immer wieder zurückgegriffen werden muß, um Seelenwüste, stumpfes Dahinleben auszumalen.

Da steigt also ein Herr Wieder, 60 Jahre alt, langsam und ächzend die 120 Stufen eines Mietshauses zum vierten Stock empor, um zu seiner Frau zurückzukehren, die er vor zehn Jahren wegen irreparabler Eintönigkeit der Ehe und seelischer Vereinsamung verlassen hat. Das ging damals recht flott: Nach einem Gedankenblitz in Verbindung mit einem kurzen Herzanfall sprang er aus dem Bett, zog sich an und verließ das Haus. Dieser Spaziergang dauerte also zehn Jahre. Das müde Seelenwrack quält sich nun eine Stunde lang durchs Treppenhaus hinauf und erzählt dem Rundfunkhörer von seinem Eheurlaub. Viel ist nicht passiert. Er hat irgendein altes Flittchen gefunden, mit dem er zusammenlebte. Der sich daraufhin „schicksalhaft“ einstellenden Vereinsamung und Eintönigkeit – siehe oben – entflieht er, indem er nunmehr wieder zu seiner Frau zurückkehrt.

Spannung und Anteilnahme ergeben sich beim Zuhören nur insofern, als man halt zu gerne erfahren möchte, ob und wie die bedauernswerte Ehefrau den sich selbst bemitleidenden Schwerenöter empfängt. Aber leider läßt Weyrauch das Stück mit dem Anklopfen enden, zu dumm. Tragik ist jedenfalls weit und breit nicht feststellbar.

Erschütternd dagegen war ein Hörspielabend des Südwestfunks. Dieter Waldmann bekannt geworden durch die Gründgens-Inszenierung seiner Komödie „Von Bergamo bis morgen früh“, versuchte sich ebenfalls am Thema „Vereinsamung“. Er nannte sein Hörspiel „Das Dorf“ – eine tieftraurige Geschichte eines älteren, häßlichen Mädchens, das an seiner plump-einfältigen Umwelt zu zerbrechen drohte

Eine feinsinnige, ledige Lehrerin wird in ein abgelegenes Dörfchen versetzt. In einem unglücklichen Augenblick behauptet sie, verlobt zu sein. Im Nu weiß es das ganze Dorf – Getuschel, Gelächter, Betulichkeit. Sie verheddert sich derart bös in ihre Rolle als angehende Braut, daß sich ihr bald nur noch eine verzweifelte Flucht nach vorn als einzige Lösung anbietet: Mutig kündigt sie ihre angeblich bevorstehende Hochzeit an. Auf der Fahrt in die Stadt aber setzt sich plötzlich ein junger Lümmel ihr gegenüber, der den arglosen Schwindel durchschaut hat. Höhnisch schleudert er ihr ins Gesicht, er wolle den Bräutigam kennenlernen. Unter dieser Roheit bricht sie zusammen.

Im Handumdrehen zauberte Waldmann, unterstützt durch einfühlsame Darstellung, Szenen voll lebenssprühender Echtheit hin. Sehr eindrucksvoll ist die schroffe Gegenüberstellung der zarten Dame mit den hämischen, aber letzten Endes doch herzensguten, nur eben tolpatschigen Dorfbewohnern. Diese durch Schablonen noch lange nicht ausgelaugte Geschichte setzte dem Hörer tüchtig zu – ein Effekt, der auch ohne demonstratives Anwenden literarischer Fingerfertigkeit erreicht wurde. H. K.