Hessens kleiner Religionsstreit

G. Z., Frankfurt

Das kam wie aus heiterem Himmel“, sagt Frankfurts evangelischer Stadtjugendpfarrer Strohmeier. Er meint das Verbot der religiösen Jugendfreizeiten durch den hessischen Kultusminister Professor Schütte. Seit Jahr und Tag fahre man nun schon mit den Schülerinnen und Schülern der Mittelschulen vor Abschluß ihrer Schulzeit in Hessens Jugendherbergen, um dort einige Tage Anregungen für die spätere Freizeitgestaltung“ zu geben.

Wie immer hatte man auch in diesem Jahr alle organisatorischen Vorbereitungen getroffen, die Plätze in den Jugendherbergen am Otzberg im Odenwald, in Bingerbrück am Rhein, in Laubach in Oberhessen und in der Jugendburg Hohensolms bei Wetzlar bestellt und die Omnibusse für die etwa 600 Teilnehmer der Jugendfreizeiten gemietet, da kam einen Tag, bevor es losgehen sollte, der Anruf eines Behördenangestellten: Das Kultusministerium bewillige keinen Urlaub, und die Schulleiter seien angewiesen, die schon genehmigten Urlaubsgesuche zu widerrufen.

Anlaß zu diesem ministeriellen Eingriff war der Protest des Magistratsrats Scheid, Leiter des Frankfurter Bestattungsamtes, dessen Tochter die Abgangsklasse der Ostend-Mittelschule besucht. Vater Scheid hatte den Wiesbadenern eine Verfassungsklage beim Hessischen Staatsgerichtshof angedroht, wenn weiterhin die Schulen für die religiösen Jugendfreizeiten zusätzliche Ferien bewilligten. „An allen hessischen Schulen werden die Kinder aller religiösen Bekenntnisse und Weltanschauung gen in der Regel gemeinsam erzogen (Gemeinschaftsschulen)“, zitierte Scheid den Absatz 2 des Artikels 56 der hessischen Verfassung und meinte, es sei doch wohl mit diesem Verfassungssatz nicht vereinbar, wenn innerhalb der ordnungsgemäßen Schulzeit die Kinder nach Konfessionen getrennt würden, um ihre „Freizeiten“ zu veranstalten. Nur für den Religionsunterricht sei es gestattet, Schulklassen nach der Religionszugehörigkeit auseinanderzureißen.

Empörte Eltern

Dieser Hinweis auf die hessische Verfassung beeindruckte den Kultusminister offenbar so sehr, daß er sich veranlaßt sah, die beinahe schon traditionellen Frankfurter Jugendfreizeiten der beiden großen Kirchen zu stoppen. Aus der Art und Weise, wie das geschehen ist – nämlich durch formlose telephonische Mitteilungen eines nicht verantwortlichen „Mittelbeamten“ – glaubt man in kirchlichen Kreisen auf das Unbehagen schließen zu können, mit dem Kultusminister Schütte sich zu diesem Schritt entschloß.