Von Marcel Reich-Ranicki

Die sprichwörtliche Behauptung, der erste Schritt sei der schwierigste, gilt nicht für die Literatur, jedenfalls nicht für den Roman. Es erweist sich immer wieder, daß es vielen Autoren eher möglich ist, sich mit dem ersten Buch durchzusetzen, als ein zweites zu bieten, das noch als bemerkenswert gelten könnte.

Denn der gelungene Erstling wird in der Regel von den wichtigsten eigenen Erlebnissen des Verfassers getragen, deren Impuls mitunter so stark ist, daß er nicht nur zu einem lesenswerten Buch, sondern auch zu einer künstlerischen Leistung anzuspornen vermag. In den meisten Fällen beweist jedoch erst das zweite Buch, ob wir es mit einem echten Schriftsteller zu tun haben oder aber mit einem Autor, dem es nur ein einziges Mal gegeben war, seine entscheidenden Erfahrungen in literarischer Form auszudrücken.

Die beiden Autoren, von denen hier die Rede sein wird, haben einen besonders schweren Stand. Sie begannen ihren Weg vor wenigen Jahren mit Romanen, deren Erfolg teilweise auf die Thematik zurückgeführt werden muß: es waren ehrliche und bewegende Kriegsbücher. Auf sehr verschiedenen literarischen Ebenen war es Manfred Gregor und Emil Schuster gelungen, durch die Darstellung des Schicksals einer kleinen Gruppe von Menschen das große Geschehen anzudeuten.

Beide Autoren wagten im zweiten Buch den Sprung von der Vergangenheit in die unmittelbare bundesrepublikanische Gegenwart. Über einen aufrüttelnden Stoff, auf den sie sich verlassen könnten, verfügen sie nicht mehr, das Autobiographische war schon im wesentlichen im Erstling verwendet worden. Da nun die außerkünstlerischen Stützen weggefallen sind, wurden die Möglichkeiten der Autoren sehr deutlich sichtbar. Hier freilich hören die Vergleiche auf.

Ein Prozeß, der vor einem amerikanischen Militärgericht in einer süddeutschen Kleinstadt geführt wird, steht im Mittelpunkt des Buches von

Manfred Gregor: "Das Urteil"; Kurt Desch Verlag, München; 311 S., 13,80 DM.