E. G., Rotterdam, Mitte März

Die Aufwertung des holländischen Guldens überraschte die Öffentlichkeit womöglich noch stärker als die Revalorisierung der D-Mark, da in Holland für den internationalen Kapitalverkehr immer noch ein ziemlich strenges Devisenregime gilt und der holländische Kapitalmarkt bis auf weiteres noch für Emissionen des Auslandes gesperrt ist. Durch die Manipulation der holländischen Regierung entstand somit die etwas ungewöhnliche Situation, daß der Wert des vollständig konvertiblen Dollars dem immer noch gebundenen Gulden gegenüber um rund 4,75 vH sank.

Der holländische Finanzminister, Prof. Dr. Zijlstra, begründete die Währungsmaßnahme, über die sich der Wirtschaftsausschuß des holländischen Ministerrates in einer fünfstündigen Nachtsitzung beraten hatte, mit der bisherigen Unterbewertung des Guldens, die u. a. zu einer Überspannung des Produktionsapparates und zu konstanten Überschüssen in der Zahlungsbilanz geführt hatte. Nachdem die D-Mark aufgewertet war, blieb Holland keine andere Wahl, als diesem Beispiel kurzfristig zu folgen, da zu befürchten war, daß durch den verstärkten Sog nach dem deutschen Markt das bisher erfolgreich behauptete Gleichgewicht in der holländischen Wirtschaft ernstlich gestört würde. In Holland hatte man übrigens mit einer zehnprozentigen D-Mark-Aufwertung gerechnet.

Soweit die offizielle Begründung. In holländischen Wirtschafts- und Finanzkreisen löste die Guldenaufwertung, wie kaum anders zu erwarten war, lebhafte Opposition aus. Man wies auf die verschiedenen, recht widerspruchsvollen Erklärungen von Wirtschaftsminister De Pous hin, wonach einmal von übersteigertem Konsum und von Spannungen im Tauschverkehr mit dem Ausland nicht die Rede sei, während ein anderes Mal der Minister schon wenige Wochen später glaubte, vor einer durchaus reellen Überhitzungsgefahr warnen zu müssen. Maßnahmen zur Konjunkturabkühlung hält man jedenfalls zu diesem Zeitpunkt in holländischen Wirtschaftskreisen für verfehlt, zumal eine Vorhersage für die weitere Entwicklung der holländischen Zahlungsbilanz nach den bisherigen Schwankungen kaum möglich ist. Von dem von den USA angestrebten Lastenausgleich im Rahmen der westlichen Rüstung und der Entwicklungshilfe befürchtet man in Holland einen empfindlichen Druck auf die künftige Zahlungsbilanz. Zudem wurde bisher die holländische Zahlungsbilanz ganz erheblich durch den Verkauf (manche sprechen sogar von „Ausverkauf“) holländischer Wertpapiere ins Ausland beeinflußt. So betrug in den ersten drei Quartalen 1959 der holländische Zahlungsbilanzüberschuß 539 Mill. Gulden bei einem Nettoexport holländischer Effekten von 1,15 Mrd. Gulden, während sich in der Vergleichszeit 1960 die entsprechenden Werte auf 758 bzw. 894 Mill. Gulden beliefen.

Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß die Bundesrepublik der wichtigste Wirtschaftspartner Hollands ist und eine Änderung des Wechselkursverhältnisses zwischen Gulden und D-Mark die holländische Wirtschaft gewiß ungünstig beeinflußt hätte. Die holländische Gesamtausfuhr in die Bundesrepublik betrug 1960 rund 3,45 Mrd. Gulden. Mit einer Ausfuhr von wertmäßig 1,44 Mrd. Gulden nahm die Bundesrepublik gut 30 vH der holländischen Agrarausfuhr ab, der Export industrieller Erzeugnisse in die Bundesrepublik belief sich auf über 2 Mrd. Gulden oder rund 19 vH der Gesamtausfuhr in diesem Sektor. Umgekehrt bezog Holland aus der Bundesrepublik 1960 Waren im Wert von 3,71 Mrd. Gulden, davon für 3,58 Mrd. Gulden Industrieprodukte. Der holländische Währungsschritt hatte also durchaus reale Bedeutung, zumal durch Verbilligung der holländischen Ware für den deutschen Abnehmer mit einer gesteigerten Nachfrage zu rechnen war, die die holländischen Produzenten zu Anstrengungen genötigt hätte, zu denen sie angesichts der bereits stark angespannten Lage auf dem holländischen Arbeitsmarkt kaum noch fähig gewesen wären. Deutschland übt ohnedies schon eine bemerkenswerte Anziehungskraft auf holländische Arbeiter aus, wodurch u. a. das holländische Baugewerbe und die Industrie in Limburg in eine ernste Krise zu geraten drohen. Ohne Zweifel wird auch Holland, jedenfalls in der Übergangszeit, mit gewissen Absatzschwierigkeiten zu kämpfen haben. So rechnet der Präsident der „Koninklijk Nederlandsche Jaarbeurs“, Dr. G. van der Wal, mit einem Exportrückgang von 2 bis 3 vH, was bei einem Exportanteil, an der Gesamtproduktion von 38 vH wohl nicht ganz unbemerkt bleiben dürfte.

Wichtig für ein auf die Rohstoffeinfuhr angewiesenes und von den Weltmarktpreisen abhängiges Land wie Holland ist der Umstand, daß die zahlreichen rohstoffintensiven Unternehmen auf Grund der Guldenaufwertung billiger einkaufen und etwaige Preisanstiege (wie sie etwa bei Baumwolle bereits eingetreten sind) leichter auffangen können, wodurch gewisse Exportnachteile wieder ausgeglichen werden. Ob der Direktverlust bei den Gold- und Devisenbeständen, der Vorratshaltung und den Auslandsbeteiligungen wirklich auf 1,25 Mrd. Gulden zu beziffern ist, wie in Parlamentskreisen behauptet wurde, möchten wir bezweifeln. Die Regierung achtet auch streng darauf, daß die Guldenaufwertung via Preissenkungen dem Konsumenten bis zum letzten Cent zugute kommt. Tatsächlich haben die Niederländische Eisenbahn und die KLM inzwischen schon Tarifsenkungen für Auslandsreisen um durchschnittlich 4,25 vH angekündigt. Auch die Schiffahrtsgesellschaften erwägen Preissenkungen. Führende Lebensmittelbetriebe senken ihre Preise um etwa 5 vH u. a. für Schokolade, Reis, Kaffee, Sardinen, getrocknete Südfrüchte und Importfrüchte in Dosen. Einige Ölgesellschaften haben auf Veranlassung der holländischen Regierung bereits angekündigte Preiserhöhungen wieder rückgängig gemacht.

Etwas schwierig dürfte die Position der holländischen Reedereien werden, deren Tarife auf Pfund und Dollar basieren und deren Angleichung sich also nicht ganz schmerzlos vollziehen wird. Da die meisten Gesellschaften aber dank ihrer konservativen Finanzierungs- und zurückhaltenden Dividendenpolitik auf „goldenen Säulen“ stehen, die sich auch in der langwierigen Depression der Weltschiffahrt als recht widerstandsfähig erwiesen, ist anzunehmen, daß auch hier kein Grund zur Schwarzseherei vorliegt. Über die Lage des holländischen Schiffbaus läßt sich zur Zeit noch wenig sagen, auch wenn manche Kreise einen fühlbaren Rückschlag befürchten. Entscheidend dürfte die Entwicklung der Stahlpreise werden.

Der holländischen Landwirtschaft kommt die Guldenaufwertung allerdings etwas teuer zu stehen. Man schätzt auf rund 125 Mill. Gulden im Jahr. Die Agrarausfuhr ins Ausland außer Westdeutschland erreichte 1960 etwa 3,3 Mrd. Gulden. Hier rechnet man allein schon mit einer Rückläufigkeit von 100 Mill. Gulden. Doch auch die Ausfuhr in die Bundesrepublik wird wahrscheinlich nachlassen, da hier jetzt andere Länder (Dänemark!) billigere Angebote machen können. Auch wenn die Ausfuhr nur um 1 vH nachläßt, bedeutet dies einen Verlust von 14 Mill. Gulden.