Mit der vollzogenen DM-Aufwertung ist die nun schon seit Jahren schwelende Währungsdiskussionen in ein neues Stadium getreten. Während man früher darüber redete, daß man eines Tages zu einer allgemeinen Neufestsetzung der Wechselkurse kommen müßte, hält man nach dem Überraschungscoup der Bundesregierung und der Niederlande jederzeit auch Alleingänge anderer Staaten für möglich. Für Anleger, die im internationalen Rahmen zu disponieren gewohnt sind, eine völlig neue Situation! Sie haben nicht nur das in jedem Wertpapier liegende Risiko zu beurteilen, sondern auch noch die Folgen möglicher Auf- und Abwertungen zu bedenken. Kein Wunder, wenn in den letzten Tagen das internationale Börsengeschäft recht zähflüssig war.

Interessant ist, daß das Ausland die deutschen Aktien nach der DM-Aufwertung keineswegs als uninteressant abgeschrieben hat. Es beurteilt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt sehr viel positiver, als es weite Kreise der deutschen Wirtschaft selbst tun. Allerdings haben die recht massiv erhobenen Klagen über die möglichen Folgen der Aufwertung, die in den letzten beiden Wochen von vielen Seiten laut geworden-sind, auch im Ausland ihre Wirkung nicht ganz verfehlt. Man wartet dort ab, was gefahrlos ist, da man weiß, daß die innerdeutschen Anlegerkreise von sich aus keine Aktienhausse zustande bringen können.

Gerade deshalb beobachtet man in Börsenkreisen das Verhalten der Ausländer mit größter Aufmerksamkeit. In nächster Zeit wird wieder eine Gruppe amerikanischer Wertpapierspezialisten der Bundesrepublik einen Besuch abstatten. Sie werden prüfen, ob die Ertragskraft der deutschen Gesellschaften weitere Engagements zuläßt. Als vor einiger Zeit amerikanische "Broker" in der Bundesrepublik unterwegs waren, konnte man später die Früchte ihrer Rundreise an Hand massiver Käufe deutscher Aktien ablesen. Wird es diesmal auch so sein? Oder haben sich inzwischen die Verhältnisse so gewandelt, daß die amerikanischen Experten deutsche Aktien ihrer Kundschaft nicht mehr empfehlen können?

Die Antwort auf diese Fragen wird man erst in einigen Monaten kennen. Festzuhalten bleibt vorerst, daß weder das Ausland noch das Inland auf die Aufwertung mit nennenswerten Abgaben reagiert haben. Nach den Kursrückgängen in den Herbst- und Wintermonaten haben die Aktien ein Niveau erreicht, das sich als widerstandsfähig bezeichnen läßt. Die deutschen Aktienmärkte haben – so läßt sich vielleicht mit einiger Kühnheit sagen – die negativen Folgen der DM-Aufwertung schon vorweggenommen. Geleitet durch die harten Restriktionsmaßnahmen der Bundesbank traten sie ihren Abstieg zu einem Zeitpunkt an, der konjunkturell gesehen eine solche Bewegung keineswegs rechtfertigte. Vergleicht man in unserer Tabelle "So bewegten sich die Kurse" die Höchstnotierungen des vergangenen Jahres mit den heutigen Kursen, so erhält man Auskunft über die Ernüchterung, die sich inzwischen in den Börsensälen vollzogen hat. Auch vorsichtige Börsianer sind heute der Ansicht, daß "grundsätzlich" keine weitere Korrektur mehr notwendig sein sollte.

Allerdings wird sich die Börse in den kommenden Wochen mit "Feineinstellungen" beschäftigen müssen. Die Folgen der Aufwertung werden sich unterschiedlich auf die Unternehmen auswirken. Werften und Reedereien – so sieht es zur Zeit aus – werden am meisten darunter zu leiden haben. Andere Unternehmen werden überhaupt nicht betroffen. Glücklicherweise liegt die Mehrzahl der diesjährigen Hauptversammlungen noch vor uns, so daß die Aktionäre Gelegenheit haben werden, "an Ort und Stelle" durch Fragen an die Verwaltungen sich ein klares Bild darüber zu beschaffen, wie die Unternehmen im Hinblick auf die neue Währungssituation ihre eigene internationale Wettbewerbsfähigkeit beurteilen. Siemens hat bereits Stellung genommen – und zwar für die Aktionäre recht positiv. Vieles deutet darauf hin, daß andere Gesellschaften sich ähnlich äußern werden. Dann verlieren die bewegten Branchenklagen, hinter denen oftmals persönliche Verärgerungen stecken, allmählich an Gewicht.

Kurt Wendt