Aber hinter dem Lächeln: die Anspannung – Mörderischer Reisefahrplan

Von Thilo Koch

Washington, im März

Sogar neben Willy Brandt wirkt John Kennedy noch jugendlich. Der Berliner Bürgermeister sah am Montag hinter dem Schreibtisch des Präsidenten überanstrengt aus. Man hat ihm keinen Gefallen getan mit einem mörderischen Reisefahrplan. Da er doch bemerkenswert bestimmt erklärte, es werde bis zum Herbst keine neue Krise in Berlin geben, sollte er Zeit haben. Auch der Wahlkampf werde keineswegs hier und heute begonnen, sondern erst nach den Ferien des Bundestages. Also warum diese Hast, die einen Mann übermüdet in seine wichtigsten Begegnungen treibt?

Brandt hat eine außerordentliche Fähigkeit zur Konzentration, besonders vor der Kamera. Am ehesten merkt man es immer seiner Stimme an, wenn er seine Reserven einsetzt. Die Atmosphäre der etwa dreiviertelstündigen Unterredung sei herzlich gewesen, Kennedys Umgangsformen sehr unkonventionell, erklärte der Berliner Pressechef Egon Bahr. Der Bürgermeister zeigte sich uneingeschränkt befriedigt von der Begegnung. Natürlich spricht Brandts Erklärung vor allem von der erneuten Bekräftigung der Garantien für die, Sicherung der Freiheit der Westberliner Bevölkerung, die der amerikanische Präsident zum Ausdruck brachte. Es käme? im Gespräch aber auch innenpolitische Fragen der Bundesrepublik und der Sowjetzone zur Geltung, militärische Gesichtspunkte und die Position der Sowjets überhaupt wurden erörtert.

15 Fragen des Präsidenten

Das Gespräch begann mit etwa 15 Fragen des Präsidenten, die er ohne Notizen stellte. Von deutscher Seite werden diese Fragen als überraschend detailliert bezeichnet. Überhaupt habe Kennedy sich vollkommen informiert über die Einzelheiten der deutschen Frage erwiesen. Der Präsident hatte am Sonntag Brandts Fernsehsendung „Meet The Press“ gesehen und knüpfte in seinen Fragen an die Erklärungen Brandts in der Sendung an. Kennedy hatte seinerseits nur den Leiter der Europa-Abteilung des Außenministeriums, Foy Köhler, zugezogen. Brandt wurde begleitet von seinem Pressechef und zwei Herren der deutschen Botschaft in Washington.