Von Günter Blöcker

Mancher Schuster ist ein Poet und mancher Journalist ein heimlicher Lyriker. Daß man auch auf leise, verspielte, zärtliche Art dem Tage dienen kann, daß man Journalist, sogar politischer Journalist sein kann, ohne mit dem Holzhammer zu operieren, dafür ist Hans Kasper seit geraumer Zeit ein rühmliches Beispiel.

Zum zweitenmal unternimmt er es nun, seine politisch-philosophischen Glossen zu sammeln. Auf die „Nachrichten und Notizen“, die vor einigen Jahren bei Goverts herauskamen, ist in diesen Tagen ein weiterer Band gefolgt –

Hans Kasper: „Zeit ohne Atem“, Aktuelle Aphorismen; Econ-Verlag, Düsseldorf; 189 S., 9,80 DM.

Kaspers aphoristisches Talent ist besonderer Art. Es zielt nicht auf intellektuelle Überschärfung, sondern auf sinnliche Prägnanz, auf die unmittelbare Überzeugungskraft bildhafter Formeln. Ein Kompressionstalent, das verzwickte Tatbestände auf schmalem Raum zu breiter Anschaulichkeit zu bringen versteht. Es ist kaum möglich, die politische Weltsituation knapper und vollständiger auszudrücken, als Kasper es etwa in dem Satz tut:

„Ich werde euch einatmen, schrie der Tyrann – und als er es nicht unverzüglich tat, atmete jedermann auf.“ Daß auf diese dann gleich vier weitere Glossen folgen, die die erste lediglich variieren und damit abschwächen, ist das Los eines Mannes, der sein Sonntagstalent in den Dienst des täglichen Konsums gestellt hat.

Es gehört zu Kaspers Eigenart, daß er nicht eigentlich polemisiert, sondern auf eine stille Art feststellt. Er formuliert seine Nachrichten als Weisheiten. Sein politisches Ethos manifestiert sich als Stil, und dieser Stil geht auf etwas aus, was sonst eigentlich nur dem Zeichner gelingt, uns nämlich mit den Augen denken zu lassen. Immer sind es bildhafte Wahrheiten, die er vor uns hinstellt. Ganz gleich, ob er. von der „eisernen Ration der menschlichen Hoffnung“ spricht, die von dem vernascht werdender sich den Himmel auf Erden macht; ob er jede Idee als in Litern meßbar bezeichnet, nachdem nämlich, wieviel Blut sie gekostet hat; oder ob er mit heiterer Resignation die Wahrheit schlicht einen „Wanderpokal“ nennt.