Außenpolitik in einer Welt ohne Spielraum – Die Problematik der Gipfelkonferenzen (Schluß)

Von Henry A. Kissinger

„Ob man zu Gipfelkonferenzen seine Zuflucht nehmen soll, ist im wesentlichen eine Frage der Zweckmäßigkeit, nicht der Moral.“ Zu dieser Schlußfolgerung gelangt der Harvardprofessor Kissinger in seiner Untersuchung der Gipfeldiplomatie. Er weist darin nach, daß Treffen auf höchster Ebene zum Scheitern verurteilt sind, wenn ihnen nicht ein klares Programm und ein bestimmtes Ziel zugrunde liegen. Henry Kissinger dient – neben seiner Tätigkeit in Harvard – der Regierung Kennedy als Berater für Fragen der nationalen Sicherheit.

Diese Hindernisse für eine erfolgreiche Diplomatie werden dadurch noch beträchtlich erhöht, daß es im Westen und besonders in den Vereinigten Staaten eine ganz eigenartige Haltung gegenüber Verhandlungen gibt. Seitdem wir unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich der innenpolitischen Entwicklung zugewandt haben, hat es nur wenige Schwierigkeiten gegeben, die sich nicht überwinden ließen. Wir waren auf fast einzigartige Weise gesegnet mit einer Umgebung, in der die Probleme – jedenfalls diejenigen, die wir wirklich lösen wollten – zwar häufig vertrackt, aber mit der nötigen Anstrengung doch immer zu bewältigen waren.

So haben wir uns seit den Tagen unserer kolonialen Kindheit angewöhnt, Männer, Regierungen oder Epochen danach zu bewerten, mit wieviel Energie sie ihren jeweiligen Problemen zu Leibe rückten – und natürlich danach, ob es ihnen gelang, eine endgültige und klare Lösung zu finden. Wurden Probleme nicht gelöst, so war einfach nicht genügend Energie und Entschlossenheit aufgewendet worden. Die Führung oder die Regierung hatten dann eben versagt. Eine bessere Regierung oder ein besserer Mann hättet, die Situation ohne Frage gemeistert. Bessere Männer oder bessere Regierungen – wenn wir sie nur stellen – können überhaupt mit allen schwierigen Fragen unserer Zeit fertig werden. Jedenfalls ist das unser instinktiver Glaube.

So kommt es, daß wir uns immer höchst unwohl fühlen, sobald ein anscheinend unlösbares Problem auftaucht. Viele der sprunghaften Tendenzen in der amerikanischen Politik – etwa das Hin- und Herpendeln zwischen starrem Festhalten am Status quo und dem Wunsch nach etwas Neuem um des bloßen Neuen willen lassen sich zurückverfolgen auf eben jenes Unbehagen, das uns befällt, wenn wir uns in einer Sackgasse fühlen. Wir verlieren unsere Ruhe, sobald der gute Wille ohne Belohnung bleibt und unsere Vorschläge lange Zeit gleichsam in der Luft hängen bleiben. Dies alles erklärt auch die Hartnäckigkeit, mitder der Glauben an die Wirksamkeit persönlicher Diplomatie aufrechterhalten wird – ein Glauben übrigens, der in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien noch durch die leidenschaftliche Überzeugung verstärkt wird, der Frieden sei der „normale“ Zustand unter den Völkern.

Guter Wille reicht nicht aus